Freitag, 10. April 2020

Verflochtene Flügel

Dear Hanna.

Heute schreibe ich dir, weil ich daran denken muss, dass wir Schmetterlinge sind. Schmetterlinge, die ihre Flügel ausbreiten und sich in die Lüfte erheben. Sich vom Wind tragen lassen, den Wolken entgegen. Wobei das Wetter heute schön ist und ich kaum Wolken am Himmel sehen kann. Frühling - hast du es schon gesehen? Ich sehe überall Osterglocken, Vergissmeinnicht und Löwenzahn. Die Bäume strecken sich bunt dem Himmel entgegen wie wir. Die Natur sprießt. Ich glaube, ich auch.

Anfang dieses Monats sind wir umgezogen, in unsere erste gemeinsame Wohnung. Düsseldorf. Wir gehen am Rhein spazieren, Hand in Hand, erkunden die neue Umgebung zu zweit. Wir richten uns langsam ein, stolpern über Umzugskartons und bauen uns ein gemütliches Nest. Genug Decken sind auf jeden Fall vorhanden. Es ist schön, das hier zu erleben. Zusammen zu sein. Ich genieße es und bin glücklich, auch wenn die momentanen weltweiten Umstände es nicht vollkommen zulassen.

Ich schreibe dir, weil ich immer an dich denken muss, wenn ich versuche herauszufinden, was mir eigentlich Spaß macht. Ich vermisse meine kreative Seite - das Schreiben, das Malen, Basteln. Ich vermisse es, RPGs zu schreiben, ohne meinem Perfektionismus und Druck in die Quere zu kommen. Ich muss dabei immer an dich denken, weil es mit dir immer wunderbar funktioniert hat. Du und ich, wir haben einander nie negative Gedanken ausgelöst. Wir haben uns an den Händen gehalten und sind gemeinsam in den Himmel empor geflogen. Ich vermisse dich. Und doch ist es schön, wie es ist.

Ich vermisse die Tinte in meinen Flügeln, die du so geliebt hast, und doch fliege ich auch ohne noch weiter, immer weiter. Meine Flügel sind vielleicht noch ein bisschen grau, vielleicht an den Spitzen, aber sie werden immer bunter, breiten sich aus. Ich verbringe viel Zeit mit Menschen, die mir gut tun, und entferne mich von denen, die Schlechtes in mir auslösen. Ich schreibe wieder Tagebuch, oldschool mit der Hand, und es tut mir gut, meine Gedanken festhalten zu können. Ich arbeite daran, im Wintersemester ins Pharmaziestudium einzusteigen - ich freue mich wahnsinnig! Und die Tinte, die wird auch eines Tages wiederkommen. Vielleicht nicht heute oder morgen, vielleicht nur kurz, aber ich weiß, dass ich es kann, dass mein von dir so geliebtes Talent, mit Worten Bilder zu malen, nicht verschwinden wird. Eines Tages werde ich es wieder tun können, werde Seite um Seite füllen mit Buchstaben, Fäden aus Worten, die zu Geschichten verflochten werden.

Bis dahin schenke ich dir meine Gedanken, meine Liebe und hoffe, dass du ebenfalls nie vergisst, dass wir Schmetterlinge sind - miteinander verwoben durch diesen Blog, unsere Worte, unsere gemeinsamen Erinnerungen. Ich denke an dich.

Ines.

Dienstag, 27. November 2018

Bunte Flügel für Schmetterlinge

Dear Hanna.


Schon eine ganze Weile her, dass ich hier etwas getippt habe. Zuletzt noch vor meinem Umzug nach Gelsenkirchen und es fühlt sich an, als wären seitdem Jahre vergangen. Es ist so vieles geschehen, so viel Schlechtes und Gutes und Schreckliches und Bezauberndes. Wie viel kann ein Mensch erleben. Manchmal habe ich das Gefühl, zu platzen vor Glück und an anderen Tagen zerreißt es mich vor Schmerz. Heute ist einer dieser Tage dazwischen, ein müder Tag. Ich liege im Bett. Und du?

Ich habe das Gefühl, ich bin in den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren, grau geworden. Meine Flügel, deren Tinte und Farben du immer so geliebt hast, sind farblos geworden, sind vollkommen verblasst. Ich bin ein grauer Schmetterling auf der Suche nach etwas, was ihm wieder Farbe verleiht. Es ist schwierig, ein grauer Schmetterling zu sein, es tut weh und es ist nicht einfach, aber ich blicke nach vorne. Suche nach Farbe. Nach Tinte. Versuche zu schreiben, versuche aufzustehen und etwas zu tun, und sei es nur, mein Zimmer immer und immer wieder umzustellen. Ich lese. Ich gehe nach draußen an die frische Luft. Ich kuschle mit Menschen, ich fahre durch die Gegend, ich lebe. Ich lebe sogar noch als grauer Schmetterling, auch wenn mir wenig davon Freude bereit. An manchen Tagen ist die Welt wunderschön, bin ich mit meinem Freund zusammen, sehe ich liebe Menschen oder passiert sonst etwas Tolles und ich fühle nichts. Das sind graue Tage. Farblose Tage.

Tage voller Farbe sind selten geworden. Manchmal passieren sie, sind aus heiterem Himmel einfach da und überfordern mich, aber machen mir unglaublich viel Freude. Ich klammere mich daran fest, ich versuche, sie zu genießen, aber sie sind wie Seife, die immer wieder aus deiner Hand flutscht, je mehr du versuchst, sie festzuhalten. Ich hatte am Wochenende schöne bunte Tage, vielleicht ist das Kontingent für dieses Jahr jetzt erschöpft. Aber es hat sich allemal gelohnt.
Und zwischen all diesem Schmerz und der Farblosigkeit und den bunten Tagen und dem Leben werde ich langsam erwachsen. Erledige ich Telefonate, suche mir eine neue Mitbewohnerin, habe mir sogar ein Tattoo stechen lassen. Wenn ich mir meine "Will ich unbedingt mal tun"-Listen ansehe, die ich vor Jahren geschrieben habe, dann habe ich davon echt viel schon abgehakt, obwohl ich im Moment das Gefühl habe, das Leben rase nur so vor mir davon. Aber ich wohne alleine in einer schönen Stadt, ich verdiene Geld und studiere ein Fach, für das ich Begeisterung aufbringen kann, ich habe Freunde und Familie, eine wundervolle Beziehung, knallrote Haare, ein Tattoo... Ich bereue nichts, denn es hat mich hierhin geführt, denke ich. Jeder Fehler, den ich gemacht habe. Jetzt bin ich hier.

Manche Tage sind grau. Aber ich glaube daran, dass ich wieder bunte Flügel bekommen werde, wenn ich nur weiterhin nach vorne schaue, nach etwas Farbe Ausschau halte und so gut lebe, wie ich nur kann. Ich versuche es, Hanna. Ich versuche es wirklich. Wünsch mir Glück.

In Liebe,
Itsu

Samstag, 21. Juli 2018

Der schönste Schmetterling, der man sein kann

Hay Liebes,
diese Woche ist ein Schmetterling in meine Straßenbahn geflogen und ich habe ihn so lange hartnäckig mit meinen Augen verfolgt, bis ich sicher sein konnte, dass er es wieder rausgeschafft hat. Letztendlich war er nur ein paar wenige Stationen in der Bahn gefangen aber er tat mir unsagbar Leid, in dieser kurzen Zeit.
Außerdem lief eben gerade "Pocahontas" von AnnenMayKantereit auf der Party, auf der ich war also bin ich von dort aus nach Hause gegangen, um dir zu schreiben.

In deinem letzten Post (den ich eben erst gelesen habe), hast du gemeint, dass ich immer eine Richtung habe, in die ich mich fortbewege und mich gefragt, ob ich die beste Version meiner selbst bin. Ich glaube, ich kann dir dazu einen langen Blogpost verfassen und das werde ich jetzt auch tun:

Ich war eines dieser Kinder, die von klein auf wussten, was sie machen wollten. Hat man mich gefragt, was ich später machen will, was ich haben oder sein will, hatte ich ein paar sehr einfache Antworten darauf:
Ich möchte lange Haare haben.
Ich möchte Modedesignerin werden.
Ich möchte eine Katze haben und ein Baumhaus und ich möchte eine kleine Tochter haben.

Ersteres ließ sich damals ziemlich gut verwirklichen und ich bin heute auch immernoch sehr zufrieden damit. Das Zweite allerdings - meine Berufung - meinen Lebenstraum - habe ich mir tatsächlich ausreden lassen. Ich habe sehr viel Zeit und Kraft investiert, mich dagegen zu wehren aber ich merke heute, dass ich es nichtmehr verfolge. Es hat für mich keine Priorität mehr, keine Wichtigkeit. Es war ein so fester Bestandteil meiner selbst und nun ist es weg.
Ich wurde gelehrt, dass ich einen Plan haben muss um zu erreichen war ich will und das ist es, was ich tue:
Ich mache Pläne.
Das ist es, was ich kann, was mir liegt und was fast immer gut geht. Ich mache Pläne und diese Pläne sind gut und dadurch bekomme ich in der Regel, was ich möchte, realisiere, was ich mir vornehme. Ich bin ein Mensch, der bekommt, was er möchte, ein Mensch, dem Dinge gelingen.

Umso mehr wirft es mich aus der Bahn, wenn Dinge passieren, die etwas zu Nichte machen. Plötzlich brechen mir Menschen weg. Für die Realisierung großer Pläne braucht man allerdings ein Team, oder irgendetwas kommt dazwischen und es gibt für mich in der Regel keinen Plan B.

Ich kann verstehen dass es Leute gibt, die mich vielleicht für meine Art zu leben bewundern. Ich sehe, dass es so ist in den Augen aller Menschen, die mitbekommen, was ich alles mache und unter einen Hut kriege und die es anerkennen, allerdings ohne auch nur den geringsten Gedanken daran, das selbst auch tun zu können. In Wahrheit würde denke ich, niemand gern so leben wie ich.

Meiner Lebenseinstellung: Dinge hinter mir zu lassen, die mich behindern oder runterziehen könnten, habe ich viele Menschen geopfert, Menschen, die ich sehr liebe, aber auch Menschen, die diese Menschen nun nichtmehr sind. Wenn ich mir allerdings diejenigen Menschen ansehe, die noch übrig geblieben sind bzw. diejenigen, die ich von allen am meisten mochte, so waren das doch immer auf ihre Art und Weise sehr eigene Menschen. Aufbrausend. Extrovertiert auf den ersten Blick aber mit einer tiefen Seele. Spontane Menschen. Unikate.
Meine älteste Freundin, die du als "mein Weib" kennst, hat mir erzählt, dass sie dieses Jahr ein Wochenende spontan mit ihrer Mitbewohnerin nach Disneyland gefahren ist. - Einfach so, weil sie Bock drauf hatte. Sie macht immer wieder Kurztrips und ist gewandt was die englische Sprache betrifft. Sie hat unsichere Momente aber für mich ist sie einfach grandios und furchtlos und fantastisch. Sie führt eine Art von Leben, die ich mir nicht vorstellen könnte, die komplett gegen meine Natur spricht, ein spontanes, abenteuerreiches Leben, ein Leben, aus dem man einfach Geschichten erzählen kann, ein Leben, dass ich manchmal beneide. Ich liebe sie abgöttisch dafür, dass sie es ab und an mit mir teilt.

Auch die anderen Menschen in meiner Umgebung müssen für mich immer etwas haben, etwas besonderes, herausstechendes, damit ich überhaupt den Willen aufbringen kann, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu wollen. Ich bin sehr schnell von Menschen erschöpft und/oder gelangweilt und das ist eine sehr schlechte Eigenschaft von mir. Ich gebe Menschen keine Chance.
Mein besonderer Mensch hat mich im letzten Jahr dazu gedrängt, über meinen Schatten zu springen und mich darauf einzulassen, Freundschaft mit jemandem zu schließen, der introvertiert ist und eher schüchtern und mich reden lässt, mich laut und anstrengend sein lässt, ohne etwas dagegen zu haben, ein ... ja vermutlich ein bisschen ein Mauerblümchen.
Ich habe mein Bestes gegeben, mich darauf einzulassen und mitlerweile habe ich sie immer und immer mehr in mein Herz geschlossen.

Itsu,
als ich mein Studium begonnen habe, habe ich zu meiner Mutter gesagt "Egal ob mir dieses Studium gefallen wird oder nicht, ich werde es durchziehen." Das hätte ich getan, ehrlich, auch wenn es mich unglücklich gemacht hätte und weißt du warum? Das ist der Plan gewesen und ich bin nunmal so. Mitlerweile liebe ich mein Studium vom ersten Semester an aber das war mehr Glück, als alles andere. Ich habe auch während meines Lebens einige Entscheidungen getroffen, Dinge zu wollen, die sich im Nachhinein betrachtet als gar nicht so gut rausstellten, aber ich wollte sie und bekam sie und habe mich damit arrangiert, damit zu leben. Aber nur, weil ich den Plänen, die ich mache, strickt folge und sie aufgehen lasse, heißt das nicht, dass mein Leben besser ist als das von irgendwelchen anderen Personen.
Ehrlich gesagt wäre ich nie fähig dazu, mich mal in mein Auto zu setzen und einfach irgendwohin zu fahren, meine Freundin und einige Sachen zu packen und einen Kurztrip zu unternehmen oder auch nur, wenn ich es wollte, ein Wochenende ins Disneyland zu fahren.
Ich bin spießig, unflexibel, herrisch, egozentrisch, ungeduldig, leicht reizbar, ich bin eine schlechte Freundin, ich bin laut und anstrengend, ich bin eine Angeberin, ich bin neidisch. Ich komme mit mir selbst nicht klar und kann selbst nach wie vor nicht lange mit mir allein sein. Ich bin außerdem stolz, was dazu führt, dass ich solche Dinge in der Regel nicht ausspreche und ich muss weinen, wenn ich wütend werde. Ich bin ängstlich. Ich bin oberflächlich. Ich verbringe einen viel zu großen Teil meiner Zeit damit, zu vermissen.

Was ich damit sagen will: Obwohl der Großteil meines Lebens immer darauf ausgerichtet war, Dinge richtig zu machen statt mich selbst wirklich restlos glücklich, habe ich es dennoch nicht geschafft, für alle Beteiligten die beste Version meiner selbst zu sein. Vielleicht bin ich das für meine Mum aber das wars auch schon. Auch wenn es für anderen Menschen so aussehen mag, als würden mir alle Dinge, die ich tue zufliegen, es steckt immer eine Menge Anstrengung dahinter ...auch wenn diese Anstrengung an manchen Tagen darin besteht, sich aufzuraffen morgens aufzustehen.

Liebes, es sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, die bester Version seiner selbst zu sein, die man aus teifsten Herzen sein will oder die beste Version seiner selbst zu sein, die man für andere Personen sein kann. In den wenigsten Fällen, kannst du beides zeitgleich und irgendwie trage ich dies als eine Gewissheit mit mir, die sich unumstößlich tief in mir verwurzelt anfühlt. Als eine Wahrheit. Eigentlich trifft der Satz "Du kannst es nie allen recht machen" ziemlich gut.

Ich finde man muss immer aufpassen, dass man selbst immer genau so viel für sich selbst tut, dass alles weiterlaufen kann. Solange ich meinen Plänen nachgehen funktioniert alles, solange bin ich beschäftigt, solange sieht alles gut aus. Ich mache mir Listen, weißt du? Vielleicht hilft dir das
"Was bringt mich weiter? - im Studium - im Privatleben - für späteren Berufserfolg - für einen volleren Geldbeutel - für meine Seele. Alles einzelnen Liste, wenn mir wieder was einfällt, arbeite ich es ab..
Gerade jetzt tut es mir in der Seele gut, dass es dich gibt, dass ich dir schreiben kann, dass ich deine Briefe lesen kann. Nicht, dass IRGENDWER da draußen ist, sondern dass genau DU es bist. Mein kleiner Schmetterling!

Und wenn du dich gerade mal wieder so fühlst, als würdest du nicht weiterkommen, bist du vielleicht wie mein Schmetterling den Tag nur in einer Bahn eingesperrt. Es dauert vielleicht gar nicht so lange wie du denkst, dich wieder daraus zu befreien und wenn du es dann rausgeschafft hast, stellst du vielleicht sogar fest, dass sich die Bahn ganz ohne dein Zutun schon weiter bewegt hat - ein paar Stationen weiter in die richtige Richtung.

Ich hab sich sehr lieb, Liebes.
Schreib mir, wie deine neue Wohnung sich anfühlt!
Schlaf gut.

♥
~Evoliette

Montag, 9. Juli 2018

Ist es das, wie Leben sich anfühlt.

Dear Hanna.

Neben dem Studium und der Arbeit habe ich es in den letzten Monaten irgendwie geschafft, ein paar Serien zu schauen, von denen mir vor allem meine Mitbewohnerin immer wieder vorschwärmt. Auch "sense8" war darunter, eine Serie auf Netflix, in der es um acht Menschen geht, welche plötzlich telepathisch miteinander verbunden sind und neben ihren alltäglichen Problemen nun auch noch damit klarkommen müssen, sieben anderen Stimmen im Kopf zu haben. Die Serie hat mir unglaublich gut gefallen, sodass ich sie gerade auch noch ein zweites Mal schaue, und ich liebe sie inzwischen sehr. Es gibt viele schöne Szenen mit Sätzen, die sehr zum Nachdenken anregen, und der Satz, der mich dazu bringt, dir heute diesen Blogpost zu schreiben, ist folgender:

Stecken wir fest oder ist das nur, wie Leben sich anfühlt?

Ich weiß nicht, ob du dieses Gefühl kennst. Wenn ich deine letzten Blogposts so lese - was ich gerne immer wieder tue, wenn es mir schlecht geht und ich das Gefühl brauche, dass irgendjemand auf dieser Welt ab und zu an mich denkt - dann weiß ich es nicht. Du klingst so, als würdest du total mit dem Leben schwimmen, immer wissen, was deine Zukunft bereithält, niemals stehen bleiben. Du studierst, du lebst, du machst etwas. Du weißt, dass du weiter studieren möchtest, du weißt ungefähr, was du danach tun wirst. Du hast Ziele, Wünsche, Träume.
An manchen Tagen weiß ich nicht, ob ich so etwas noch habe. An manchen Tagen fühlt es sich für mich so an, als wäre ich irgendwo stecken geblieben. Als wäre ich die, die ich vor zwei Jahren war. Als hätte sich seitdem nichts geändert, als würde ich immer noch an denselben Problemen nagen und nicht vorankommen. Als wäre da eine Mauer, die verhindert, dass ich mich weiterentwickle. Vielleicht ist das auch nur dieses "Erwachsensein", von dem alle sprechen. Vielleicht fühlt sich dieses Erwachsensein so an. Als ob man am Ende angekommen wäre. Als ob da nichts mehr wäre, was es zu erreichen gilt. Weil sich alles so... weit weg anfühlt. So unerreichbar.

In einer Woche ziehe ich um. Heute in einer Woche und um diese Uhrzeit - es ist jetzt 21:37 Uhr - sitze ich in meiner neuen Wohnung in meinem neuen Bett. In einer anderen Stadt. Immer noch mit meiner Mitbewohnerin, aber trotzdem wird irgendwie alles anders sein. Eine neue Umgebung, die es zu erkunden gilt, neue Einkaufsläden, neue Nebenstraßen, ein neuer Bahnhof, neue Zugfahrten, neue Gleise, von denen man abfährt. Eine ganz neue Welt, in gewisser Weise, auch wenn sie nur 20 Minuten Zugfahrt von meinem momentanen Zuhause entfernt ist... Es liegen Welten dazwischen. Morgen in einer Woche werde ich immer noch 22 Jahre alt sein, ich werde immer noch komplett ausgewaschenes Haar haben, immer noch braun gebrannt sein, weil ich diesen Sommer öfter draußen war als je zuvor. Werde immer noch ich selbst sein, und doch wird sich etwas, eine Kleinigkeit und doch etwas so Großes, verändert haben... Dann bin ich nicht mehr Duisburgerin, sondern Gelsenkirchnerin. (Schon krass, wie sich alles verschiebt.)
Leben geht weiter, immer. Das Leben um mich herum dreht sich immer weiter. Leute kommen und gehen. Ich ziehe um. Das Semester ist fast vorbei. Die Klausuren rücken näher. Meine Mitbewohnerin hat einen neuen Freund. Meine Arbeitskollegin ist im Krankenstand. Meine Unikollegin ist gerade auf Bootsfahrt in den Niederlanden. Es ist warm, bald ist es wieder kalt. Es passiert so viel. Dazwischen stehe ich und weiß nicht recht, ob ich mitschwimmen, mitlaufen soll, oder ob ich nicht zu müde dafür bin. Ob ich nicht lieber stehen bleiben möchte... Einfach aufhören will. Es einfach beenden?

In sense8 kommen noch viele andere schöne Sätze vor. Sätze, die zum Nachdenken anregen. "Das Leben lässt nicht immer zu, dass wir die beste Version unserer selbst sind." Vielleicht wäre ich jemand anderes geworden, hätte ich keine Depressionen. Vielleicht wäre ich besser, schöner, würde ich anderen Menschen mehr Freude machen, wäre ich nicht so feige. Vielleicht hätten mich nicht so viele Menschen, wäre... hätte... was wäre, wenn... Dieses Gedankendenken wollte ich mir eigentlich schon lange abgewöhnen. Ist gar nicht so einfach.
Denkst du, du bist die beste Version deiner selbst, Hanna? Denkst du, du lebst dieses Leben als die beste Version von dir, die du dir, der Welt, den Menschen um dich rum, bieten kannst? Ich glaube, das ist irgendwie mein Ziel. Die beste Version meiner selbst zu sein. So zu sein, dass nicht nur andere mich lieben können, sondern auch ich mich selbst.

Ich hab dich lieb. Als Abschied hinterlasse ich dir ein schönes Zitat aus meiner neuen Lieblingsserie:

Das Unmögliche ist nur einen Kuss von der Wirklichkeit entfernt.

Ines

Dienstag, 10. April 2018

Flügelschläge nach hier und dort.

Dear Hanna.

Ich habe sowohl deinen letzten als auch deinen vorletzten Post nur Tage, nachdem du ihn eingestellt hast, bereits gelesen. Bis jetzt kam ich aber nicht dazu zu antworten, geschweige denn dazu, dir zu deinem Geburtstag zu gratulieren. Deshalb möchte ich es hier noch einmal nachholen: Alles, alles Liebe zum Geburtstag! Ich hoffe, dass du dich hast feiern lassen und dass du von lieben Menschen umgeben warst, welche dir gut tun. Hast du Geschenke bekommen? Bist du betrunken in deine Torte gestürzt? Ich versuche mir vorzustellen, wie du deinen Geburtstag gefeiert hast, weit weg von mir, in diesem anderen Bundesland, in dem du dich im Moment befindest.

Schon komisch, oder? Wie wir Jahr für Jahr älter werden, wie die Erwartungen anderer Menschen an uns steigen und wir uns doch gar nicht so sehr ändern. Hat man einmal dieses Alter erreicht, in dem wir uns im Augenblick befinden, erwarten die "Erwachsenen" plötzlich, dass sein Leben auf die Reihe kriegt, das man Entscheidungen trifft und für die Konsequenzen einsteht. Nur, weil von einem Tag auf den anderen sich plötzlich eine kleine Ziffer verändert hat. Gleichzeitig trauen sie einem vieles immer noch nicht dazu, obwohl man selbst der Meinung ist, schon längst für dieses und jenes Verantwortung tragen zu können. Alter ist schon eine komische Sache. Ich vergesse auch nach vier Monaten noch immer mal wieder, dass ich schon 22 Jahre alt bin und wenn man mich fragt, will ich immer noch erst 21 sagen. Mein Freund wird dieses Jahr 30. Mehr Lebenserfahrung als ich hat er auf jeden Fall. Trotzdem behaupte ich, mehr davon zu haben als andere 22-Jährige. Alter und Alter, das lässt sich doch einfach nicht vergleichen. Im Endeffekt ist es auch nur eine Zahl.

Du hast in deinem vorletzten Post über meine Entscheidung gesprochen, nach Deutschland zu ziehen und wie schwer es mir gefallen sein muss. Ich war zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alt und ich glaube, so viel Gedanken habe ich mir gar nicht darum gemacht. Es stand irgendwann fest und dann habe ich getan, was getan werden musste, und ich glaube, dass ich mir gar nicht die Zeit genommen habe, es als Entscheidung oder gar als schwere Entscheidung wahrzunehmen. Es war einfach etwas, was ich machen wollte, also habe ich es durchgezogen und glücklicherweise hatte ich ja die Hilfe meiner Mitbewohnerin und meiner Ex-Freundin, die mir beide ganz viel beibrachten und zeigten. Meine Mutter war beispielsweise keine große Hilfe, denn sie hat es erst wirklich verstanden, als ich schon fast zur Tür raus war. Aber ich habe es geschafft. Nicht alleine, aber dennoch ist es wohl eine Leistung, auf die ich stolz sein kann. Ausgewandert mit 20 Jahren. Schon krass.

Umziehen. Umziehen ist schon ziemlich schön. Dieses Jahr ziehen Lena und ich ein paar Städte weiter nach Gelsenkirchen, weil uns unsere momentane Wohnung zu teuer und zu groß geworden ist. Ich freue mich jetzt schon darauf. Eine neue Umgebung, eine neue Einrichtung, eine neue Möglichkeit, alles anders zu machen - ich liebe es. Eigentlich glaube und sage ich immer, dass ich kein großer Fan von Veränderungen bin, aber gleichzeitig finde ich es auch total spannend und toll. Und das hier wird definitiv eine positive Veränderung. Ich überlege jetzt schon, wie ich mein Zimmer einrichte, dabei habe ich weder den Mietvertrag noch die Maße unserer Wohnung zur Hand. Aber man kann nie zu spät damit anfangen. Und träumen ist ja sowieso immer erlaubt! Die nächsten Wochen und Monate werde ich sicher ganz viel von meiner neuen Wohnung träumen.

Das schöne Wetter, Entscheidungen, die das Leben besser machen, ein neues, frisches Semester, dem man mit viel Ehrgeiz entgegen blicken kann und die Aussicht auf einen wundervollen Sommer... Da kann es einem nur gut gehen, oder? Zumindest ich bin im Moment unglaublich gut gelaunt, hüpfe nur so durch die Gegend und freue mich unglaublich auf den Sommer. Nicht nur wegen dem Umzug, sondern auch auf die Wochenenden in Karlsruhe bei meinem Freund, auf die Events, die ich besuchen werde, aber auch einfach nur auf die Freistunden auf dem Campus, die man im Sommersemester auf der Wiese verbringen kann. Alles erscheint ein bisschen besser, weniger düster als im Winter, alles ist heller, schöner, die Zukunft wirkt nicht mehr ganz so dunkel. Diese Jahreszeit ist wundervoll, ein Heilmittel gegen jegliche Depressionen.

Ich hab dich lieb, Hanna.

Ines

Mittwoch, 4. April 2018

Schmetterlingswärme

Hay Liebes,
falls du den Post davor noch nicht gesehen hast: Es sind 2.

Gestern und heute waren die ersten beiden warmen Tage dieses Jahres und nun gewittert es. Es blitzt die ganze Zeit und donnert und bietet gerade die beste Stimmung, dir diesen Blogeintrag zu schreiben.
Findest du nicht auch, dass der erste warme Tag im Jahr so eine gewisse Magie hat? An solchen Tagen passieren schlimme Dinge nur selten und wenn doch, dann kommen sie einem gar nicht so schlimm vor. Jeder ist irgendwie besser gelaunt als sonst und wenn man draußen steht und sein Gesicht von der Sonne wärmen lässt, gibt es für einen ganz kurzen Moment nichts, was dich bedrückt.

Heute war außerdem der erste richtige Unitag meines vierten Semesters. Eigentlich war es das schon gestern, aber ich hatte gestern keine Veranstaltungen. Nun bin ich also wieder auf dem Campus, der bei solchem Wetter immer maßlos überfüllt ist und auf dem sich Studenten auf den Fluren drängen, herumirrend ihre Räume suchen oder mit ihren Büchern und Laptops auf den Wiesen sitzen, sodass man sich vorkommt als wäre man direkt in einen amerikanischen Teenagerfilm gefallen. Es ist wieder Leben auf dem Campus eingekehrt und ich liebe das, liebe es mich mittags auf den Mensavorplatz zu setzen, die Sonne auf meinen Haaren zu fühlen und die Leute dabei zu beobachten, wie sie ihrem ganz normalen Tagesgeschehen nachgehen. Oft bin ich selbst zu gestresst dafür aber jetzt gerade, wo die Uni zwar wieder angefangen hat aber auch noch nicht richtig, nehme ich mir nur allzu gern die Zeit dafür.

Am kommenden Samstag feiere ich meinen Geburtstag und ich muss sagen im Großen und Ganzen bin ich ganz zufrieden so, wie es gerade ist. Ich bin 21 und dabei und studiere bisher ein bisschen besser als Regelstudienzeit. Ich habe zwar keinen Kontakt mehr zu Lucy, aber dafür noch immer zu meinem Weib, das schon länger nichtmehr in meiner Nähe wohnt und ich bin sehr stolz darauf, dass es trotzdem für mich klappt, mit ihr weiterhin Kontakt zu halten. Im Grunde bin ich darin nämlich nicht sonderlich gut. Ich umgebe mich immernoch viel mit den Leuten von meinem besonderen Menschen, aber das reicht mir, solange ich Teddy habe - und einen so guten Kontakt zu meinem Cousin, den ich zwar glaube ich noch nie erwähnt habe, der aber, wenn er gerade mal hier ist, wie ein Bruder für mich ist. Es sind wenige Menschen, mit denen ich mich wirklich gern umgebe und ich merke, dass mein Interesse an Menschen im ganz Allgemeinen von Jahr zu Jahr weiter sinkt, aber es reicht mir. Zurzeit reicht es mir. Zurzeit bin ich zufrieden damit.

Ich verbringe meine Zeit jetzt größtenteils damit, Filme oder Serien zu sehen, habe schon ewig nicht richtig gezockt aber wenn ich kann, versuche ich immernoch manchmal ein bisschen kreativ zu sein, zu basteln, mir irgendetwas auszudenken, aber ich merke, dass das schwieriger wird mit der Zeit, die vergeht. Ich erinnere mich noch daran, wie ich früher vor Kreativität nur so übergesprudelt bin und dass sie jetzt immer und immer weniger wird, erfüllt mich mit bedauern. Ich dachte es wäre ein fester Bestandteil meines Charakter, kreativ zu sein, aber vielleicht gehörte es auch nur zu meiner Kindheit. Ich möchte heute, an einem so schönem Tag mit einem so atemberaubenden Gewitter auch nicht trübsal blasen.

Ich denke an dich, Liebes,
lass mal wieder was von dir hören.
Ich hab dich lieb,
Evo

Dienstag, 20. März 2018

Schmetterlingszuflüchte

Hay Liebes,
heute ist Tag 8 nach deinem letzten Post und in 9 Tagen schreibe ich die (hoffentlich) letzte Matheklausur meines Lebens. In 10 Tagen habe ich Geburtstag. Ich werde 21.
Ich weiß nicht, wieso es mir gerade wichtig ist, das für dich aufzuschreiben. Vermutlich möchte ich mich selbst daran erinnern.
21.
...22...23...und du kannst ja gar nicht wissen was du willst.
Ich weiß noch, wie ich vor zwei Jahren einfach jemanden haben wollte, der mit mir tanzt. Eigentlich wollte ich mein ganzes Leben immer jemanden haben, der mit mir tanzt und ich schätze diesen Platz hat lange "mein Weib" eingenommen und jetzt wohnt sie in einer anderen Stadt und sie fehlt mir ganz fürchterlich. Mein besonderer Mensch tanzt auch mit mir, wenn ich das möchte aber dennoch tue ich es kaum.
Vielleicht wollte ich auch immer nur die Chance haben zu tanzen.
Vielleicht kann ich gar nicht wissen, was ich will.
Ist es nicht irgendwie gemein? Einen Großteil der wichtigsten Entscheidungen unseres Leben treffen wir in diesen Jahren. Sie wirken sich auf den weiteren Verlauf immens aus doch dabei können wir gar nicht wissen, was wir wollen.
Wann wissen wir überhaupt, wann wir wissen können, was wir wollen?

Ich kann nicht ermessen, was für eine riesige Entscheidung es für dich gewesen sein muss, so weit wegzuziehen und dich von vielen Menschen und Dingen - mal freiwillig und mal unfreiwillig - loszulösen. Vielleicht werde ich nie zu soetwas im Stande sein. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass ich dafür jemanden bräuchte, der mich antreibt.
Hast du jemanden, der dich antreibt?

Mein besonderer Mensch hat mich eben noch auf eine andere Frage gebracht.
Du warst damals viel in Dresden und dann in Westdeutschland und ich glaube du kennst generell Menschen, die überall verstreut sind (worauf du echt stolz sein kannst, mal ganz nebenbei gesagt) und ich frage mich gerade, wie du die Überbleibsel und Unterschiede unseres Ost-West-Konfliktes so mitbekommst. Als Österreicherin hast du ja bestimmt eine recht objektive Sichtweise drauf, oder?

Meine Tante ist der einzige Teil meiner Familie, der im Westen wohnt und zu dem wir derzeit Kontakt haben. Mit "wir" meine ich "ich" und es ist schon sehr anders dort, was aber auch daran liegt, dass sie auf dem Dorf wohnt und ich schon immer Stadt gewöhnt war. Ich weiß nicht direkt, wie ich das einordnen kann.

Ich habe einen langen Tag mit sehr viel Mathe und Kopfschmerzen hinter mir und trotzdem fühle ich mich jetzt, da ich angefangen habe in dieses weiße Feld zu tippen wieder voller Ideen und Fragen an dich, aber ich denke, es wäre besser es bei der einen Frage zu belassen und mir die Anderen (obwohl ich sie ganz bestimmt vergesse) für spätere Briefe aufzuheben. Ich habe ehrlich gesagt sofort als ich deinen letzten Brief gelesen habe wieder angefangen zu antworten, weil ich schonwieder Tränen in den Augen hatte beim Lesen und irgendwie bist du der einzige Mensch, der das immer und immer wieder zustande bekommt - Freudentränen von mir einzufordern.
Ich hab von dir gelesen und es ging mir schlagartig besser, selbst nach so einem ermüdenden, unangenehmen Tag.

Und noch was:
Du hattest lange Zeit in deinem Status stehen "Heimat ist ein Begriff, der keinen Plural kennt." und auch wenn das sprachlich vollkommen richtig ist, muss ich dir in anderen Hinsichten mittlerweile widersprechen. Heimat kann vieles sein. Orte, Städte, Menschen .... vor allem verschiedene Menschen zur gleichen Zeit, die sich nicht an ein und demselben Ort aufhalten, das kann ich jetzt ganz sicher sagen.


Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen.
Ich feier diese Zeile soo sehr,
weil es nicht das ist,
was man erwartet.
♥

Zu Hause kann alles sein Itsu,
auch ein Brief.

Liebe,
~Evoliette