Freitag, 10. April 2020

Verflochtene Flügel

Dear Hanna.

Heute schreibe ich dir, weil ich daran denken muss, dass wir Schmetterlinge sind. Schmetterlinge, die ihre Flügel ausbreiten und sich in die Lüfte erheben. Sich vom Wind tragen lassen, den Wolken entgegen. Wobei das Wetter heute schön ist und ich kaum Wolken am Himmel sehen kann. Frühling - hast du es schon gesehen? Ich sehe überall Osterglocken, Vergissmeinnicht und Löwenzahn. Die Bäume strecken sich bunt dem Himmel entgegen wie wir. Die Natur sprießt. Ich glaube, ich auch.

Anfang dieses Monats sind wir umgezogen, in unsere erste gemeinsame Wohnung. Düsseldorf. Wir gehen am Rhein spazieren, Hand in Hand, erkunden die neue Umgebung zu zweit. Wir richten uns langsam ein, stolpern über Umzugskartons und bauen uns ein gemütliches Nest. Genug Decken sind auf jeden Fall vorhanden. Es ist schön, das hier zu erleben. Zusammen zu sein. Ich genieße es und bin glücklich, auch wenn die momentanen weltweiten Umstände es nicht vollkommen zulassen.

Ich schreibe dir, weil ich immer an dich denken muss, wenn ich versuche herauszufinden, was mir eigentlich Spaß macht. Ich vermisse meine kreative Seite - das Schreiben, das Malen, Basteln. Ich vermisse es, RPGs zu schreiben, ohne meinem Perfektionismus und Druck in die Quere zu kommen. Ich muss dabei immer an dich denken, weil es mit dir immer wunderbar funktioniert hat. Du und ich, wir haben einander nie negative Gedanken ausgelöst. Wir haben uns an den Händen gehalten und sind gemeinsam in den Himmel empor geflogen. Ich vermisse dich. Und doch ist es schön, wie es ist.

Ich vermisse die Tinte in meinen Flügeln, die du so geliebt hast, und doch fliege ich auch ohne noch weiter, immer weiter. Meine Flügel sind vielleicht noch ein bisschen grau, vielleicht an den Spitzen, aber sie werden immer bunter, breiten sich aus. Ich verbringe viel Zeit mit Menschen, die mir gut tun, und entferne mich von denen, die Schlechtes in mir auslösen. Ich schreibe wieder Tagebuch, oldschool mit der Hand, und es tut mir gut, meine Gedanken festhalten zu können. Ich arbeite daran, im Wintersemester ins Pharmaziestudium einzusteigen - ich freue mich wahnsinnig! Und die Tinte, die wird auch eines Tages wiederkommen. Vielleicht nicht heute oder morgen, vielleicht nur kurz, aber ich weiß, dass ich es kann, dass mein von dir so geliebtes Talent, mit Worten Bilder zu malen, nicht verschwinden wird. Eines Tages werde ich es wieder tun können, werde Seite um Seite füllen mit Buchstaben, Fäden aus Worten, die zu Geschichten verflochten werden.

Bis dahin schenke ich dir meine Gedanken, meine Liebe und hoffe, dass du ebenfalls nie vergisst, dass wir Schmetterlinge sind - miteinander verwoben durch diesen Blog, unsere Worte, unsere gemeinsamen Erinnerungen. Ich denke an dich.

Ines.