Mittwoch, 17. Februar 2016

Immer höher hinaus

Liebe Ines,
zurzeit haben wir in Ethik die Philosophie von Immanuel Kant im Vergleich zu anderen Philosophen. Ich weiß noch, dass mir dieses Thema, die Denkweise dieses Menschen damals unglaublich geholfen hat als es darum ging, wie ich mit AE am besten weiterleben möchte.
Es ist immer sehr schwierig, wenn sich zwischenmenschliche Beziehungen so plötzlich ändern. An einem Tag hat dir ein Mensch alles bedeutet und am nächsten Tag soll er einfach so vollkommen aus deinem Leben verschwinden? Wie kann so etwas sein?

Ich habe in den letzten Tagen viel gelesen. Am Zocken, was sonst den größten Teil meines Tages ausgemacht hat, liegt mir nicht mehr allzu viel und ich mache es noch eher Freunden zuliebe als um mir selbst die Zeit zu vertreiben. Statt dessen habe ich ein paar alte Chats gelesen, in Schulbüchern herumgekramt und ab und an ein paar weitere Kapitel von "Anna Karenina", womit ich schleppend vorankomme. Vor allem aber habe ich mich auf die Beziehung zu einem bestimmten Menschen konzentriert. Du meintest mal zu mir, dass es dich glücklich macht in unseren alten Posts rumzuschmökern wenn wir gerade Perioden haben, in denen wir nicht so viel schreiben und ich dachte mir, genau das versuche ich auch einmal. Denn bei manchen Menschen tun solche Phasen, in denen sich niemand meldet mehr weh, als bei anderen... egal wie lang oder kurz sie sein mögen.

Jedenfalls habe ich mich hingesetzt und die allererste Konversation gelesen, die ich mit meinem neu gewonnenen Freund über Whatsapp geführt habe und dann die folgenden und während ich in den ersten Passagen noch herzlichen grinsen musste erlosch es irgendwann und wurde von den Spuren der Realität überdeckt, die uns seit dem eingeholt hat.

In meinem Blog habe ich auch gelesen und weißt du was mir aufgefallen ist? Ich führe dieses 'virtuelle Tagebuch' seit 5 Jahren und ich habe den Eindruck, dass es immer und immer wieder um ein und das selbe Thema geht: Verlust.
Es liest sich alles so, als ob ich glücklich bin mit den Menschen in meiner Umgebung und der derzeitigen Situation für eine kleine Weile - meistens ein halbes Jahr - und dann plötzlich sind diese Menschen weg und ich kämpfe noch Monate danach mit der Verarbeitung dessen. Immer wieder scheine ich mir über die Jahre die Frage zu stellen, weshalb niemand bleibt und immer wieder lasse ich mich auf Menschen ein um dann enttäuscht zu werden und alles davon halte ich auf ~Evoliette fest.

Wenn man mein Leben also als ein einziges auf und ab und kommen und gehen von geliebten Menschen bezeichnen kann, befinde ich mich zurzeit wohl auf einem 'ab', auf einem 'gehen', denn ein halbes Jahr ist exakt wieder um und Menschen beginnen zu gehen - nicht alle, Gott sei Dank nicht annähernd alle, aber eine einzige Person reicht aus um die Zweifel wieder hervor zu kramen und mich zu diesem Menschen zu machen, zu dem ich in den letzten Tagen wieder geworden bin.

Natürlich beginnt man sich irgendwann nicht mehr nur die Frage zu stellen, weshalb Menschen gehen, sondern wieso sie überhaupt kommen. Wieso lässt man Menschen, neue Menschen, die in der Lage sind wieder zu gehen, dich zu verletzen und andere Dinge zu tun, die dich unglücklich machen könnten überhaupt in sein Leben, wenn man doch sehr glücklich ist mit der derzeitigen Situation?
Und genau mit dieser Frage sind wir wieder bei Immanuel Kant und dem Ethikunterricht.
Aristoteles soll wohl mal gemeint haben, der Mensch hat einen natürlichen Egoismus, aber er ist ein zoon politikon, ein gesellschaftliches Wesen. Wir können also nicht ohne andere Menschen leben, okay, das kann ich verstehen. Daran gibt es nichts weiter zu erklären, denn ohne die Gemeinschaft und das Weitervermitteln von Wissen kann es keinen Fortschritt geben. Aber weißt du, was noch erforderlich ist um einen Fortschritt voran zu treiben? Das Wollen, das ewige Streben nach mehr und genau darum geht es.

Wenn Menschen als kleine Raupen geboren werden und irgendwann ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und den Weg finden, den sie gehen wollen, dann werden sie zu Schmetterlingen. Vielleicht sind sie dann immernoch veränderlich, verändern mal ihre Flügelfarbe, ihre Flügelform aber die Frage ist, was sie tun, wenn sie zu Schmetterlingen geworden sind. Sie fangen natürlich an zu fliegen. Und Menschen wollen immer mehr als sie haben. Sie fliegen höher und immer höher hinaus und haben sie einmal erreicht, was sie wollen, dann wollen sie auch schon das nächste.

Letzten Sommer war ich glücklich mit meiner Situation. Ich hatte den besten Sommer überhaupt und war ein vollkommener Schmetterling. Dann folgten Ereignisse, die mich dazu gebracht haben höher zu fliegen, als ich es jemals für möglich gehalten hätte und dann als die Luft zu dünn wurde bin ich wieder auf die Höhe herabgesunken, auf der ich letzten Sommer war. Nur, dass sie mir jetzt gar nicht mehr so vollkommen vorkommt, weißt du, was ich meine?
Ich weiß auch nicht ob du Anna Karenina schonmal gelesen hast, ich hab damit angefangen irgendwann gegen Weihnachten, als noch alles in Ordnung war und ohne auch nur in Ansätzen zu wissen, worum es geht und mittlerweile weiß ich, dass es um eine Frau geht, die ein scheinbar perfektes Leben führt, eine Familie, die sie liebt, eine Menge Freunde, Erfolg und Charisma. Sie könnte alles im Leben erreichen und dann auf einem Ball verliebt sie sich ganz plötzlich und alles, was vorher ihr Leben ausgemacht hat erscheint ihr plötzlich mangelhaft und du kannst dir vorstellen, dass ein solches Buch mir in meiner derzeitigen Situation nicht gerade weiterhilft. Normalerweise helfen Bücher mal von meinen Problemen Abstand zu nehmen und versetzen mich nicht mitten rein.

Eigentlich will ich dir also sagen, dass ich zurzeit sehr glücklich bin mit allem, was ich habe und auch keinen Menschen kenne, mit dem ich würde tauschen wollen aber es da trotzdem dies kleinen Sachen gibt, die mich zweifeln lassen und dass es Menschen gibt, die ich sehr sehr vermisse.

Ich hab dich lieb und ich hoffe es geht dir gut.
~Evoliette