heute ist Tag 8 nach deinem letzten Post und in 9 Tagen schreibe ich die (hoffentlich) letzte Matheklausur meines Lebens. In 10 Tagen habe ich Geburtstag. Ich werde 21.
Ich weiß nicht, wieso es mir gerade wichtig ist, das für dich aufzuschreiben. Vermutlich möchte ich mich selbst daran erinnern.
21.
...22...23...und du kannst ja gar nicht wissen was du willst.
Ich weiß noch, wie ich vor zwei Jahren einfach jemanden haben wollte, der mit mir tanzt. Eigentlich wollte ich mein ganzes Leben immer jemanden haben, der mit mir tanzt und ich schätze diesen Platz hat lange "mein Weib" eingenommen und jetzt wohnt sie in einer anderen Stadt und sie fehlt mir ganz fürchterlich. Mein besonderer Mensch tanzt auch mit mir, wenn ich das möchte aber dennoch tue ich es kaum.
Vielleicht wollte ich auch immer nur die Chance haben zu tanzen.
Vielleicht kann ich gar nicht wissen, was ich will.
Ist es nicht irgendwie gemein? Einen Großteil der wichtigsten Entscheidungen unseres Leben treffen wir in diesen Jahren. Sie wirken sich auf den weiteren Verlauf immens aus doch dabei können wir gar nicht wissen, was wir wollen.
Wann wissen wir überhaupt, wann wir wissen können, was wir wollen?
Ich kann nicht ermessen, was für eine riesige Entscheidung es für dich gewesen sein muss, so weit wegzuziehen und dich von vielen Menschen und Dingen - mal freiwillig und mal unfreiwillig - loszulösen. Vielleicht werde ich nie zu soetwas im Stande sein. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass ich dafür jemanden bräuchte, der mich antreibt.
Hast du jemanden, der dich antreibt?
Mein besonderer Mensch hat mich eben noch auf eine andere Frage gebracht.
Du warst damals viel in Dresden und dann in Westdeutschland und ich glaube du kennst generell Menschen, die überall verstreut sind (worauf du echt stolz sein kannst, mal ganz nebenbei gesagt) und ich frage mich gerade, wie du die Überbleibsel und Unterschiede unseres Ost-West-Konfliktes so mitbekommst. Als Österreicherin hast du ja bestimmt eine recht objektive Sichtweise drauf, oder?
Meine Tante ist der einzige Teil meiner Familie, der im Westen wohnt und zu dem wir derzeit Kontakt haben. Mit "wir" meine ich "ich" und es ist schon sehr anders dort, was aber auch daran liegt, dass sie auf dem Dorf wohnt und ich schon immer Stadt gewöhnt war. Ich weiß nicht direkt, wie ich das einordnen kann.
Ich habe einen langen Tag mit sehr viel Mathe und Kopfschmerzen hinter mir und trotzdem fühle ich mich jetzt, da ich angefangen habe in dieses weiße Feld zu tippen wieder voller Ideen und Fragen an dich, aber ich denke, es wäre besser es bei der einen Frage zu belassen und mir die Anderen (obwohl ich sie ganz bestimmt vergesse) für spätere Briefe aufzuheben. Ich habe ehrlich gesagt sofort als ich deinen letzten Brief gelesen habe wieder angefangen zu antworten, weil ich schonwieder Tränen in den Augen hatte beim Lesen und irgendwie bist du der einzige Mensch, der das immer und immer wieder zustande bekommt - Freudentränen von mir einzufordern.
Ich hab von dir gelesen und es ging mir schlagartig besser, selbst nach so einem ermüdenden, unangenehmen Tag.
Und noch was:
Du hattest lange Zeit in deinem Status stehen "Heimat ist ein Begriff, der keinen Plural kennt." und auch wenn das sprachlich vollkommen richtig ist, muss ich dir in anderen Hinsichten mittlerweile widersprechen. Heimat kann vieles sein. Orte, Städte, Menschen .... vor allem verschiedene Menschen zur gleichen Zeit, die sich nicht an ein und demselben Ort aufhalten, das kann ich jetzt ganz sicher sagen.
Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen.
Ich feier diese Zeile soo sehr,
weil es nicht das ist,
was man erwartet.
♥
Zu Hause kann alles sein Itsu,
auch ein Brief.
Liebe,
~Evoliette