Dienstag, 20. März 2018

Schmetterlingszuflüchte

Hay Liebes,
heute ist Tag 8 nach deinem letzten Post und in 9 Tagen schreibe ich die (hoffentlich) letzte Matheklausur meines Lebens. In 10 Tagen habe ich Geburtstag. Ich werde 21.
Ich weiß nicht, wieso es mir gerade wichtig ist, das für dich aufzuschreiben. Vermutlich möchte ich mich selbst daran erinnern.
21.
...22...23...und du kannst ja gar nicht wissen was du willst.
Ich weiß noch, wie ich vor zwei Jahren einfach jemanden haben wollte, der mit mir tanzt. Eigentlich wollte ich mein ganzes Leben immer jemanden haben, der mit mir tanzt und ich schätze diesen Platz hat lange "mein Weib" eingenommen und jetzt wohnt sie in einer anderen Stadt und sie fehlt mir ganz fürchterlich. Mein besonderer Mensch tanzt auch mit mir, wenn ich das möchte aber dennoch tue ich es kaum.
Vielleicht wollte ich auch immer nur die Chance haben zu tanzen.
Vielleicht kann ich gar nicht wissen, was ich will.
Ist es nicht irgendwie gemein? Einen Großteil der wichtigsten Entscheidungen unseres Leben treffen wir in diesen Jahren. Sie wirken sich auf den weiteren Verlauf immens aus doch dabei können wir gar nicht wissen, was wir wollen.
Wann wissen wir überhaupt, wann wir wissen können, was wir wollen?

Ich kann nicht ermessen, was für eine riesige Entscheidung es für dich gewesen sein muss, so weit wegzuziehen und dich von vielen Menschen und Dingen - mal freiwillig und mal unfreiwillig - loszulösen. Vielleicht werde ich nie zu soetwas im Stande sein. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass ich dafür jemanden bräuchte, der mich antreibt.
Hast du jemanden, der dich antreibt?

Mein besonderer Mensch hat mich eben noch auf eine andere Frage gebracht.
Du warst damals viel in Dresden und dann in Westdeutschland und ich glaube du kennst generell Menschen, die überall verstreut sind (worauf du echt stolz sein kannst, mal ganz nebenbei gesagt) und ich frage mich gerade, wie du die Überbleibsel und Unterschiede unseres Ost-West-Konfliktes so mitbekommst. Als Österreicherin hast du ja bestimmt eine recht objektive Sichtweise drauf, oder?

Meine Tante ist der einzige Teil meiner Familie, der im Westen wohnt und zu dem wir derzeit Kontakt haben. Mit "wir" meine ich "ich" und es ist schon sehr anders dort, was aber auch daran liegt, dass sie auf dem Dorf wohnt und ich schon immer Stadt gewöhnt war. Ich weiß nicht direkt, wie ich das einordnen kann.

Ich habe einen langen Tag mit sehr viel Mathe und Kopfschmerzen hinter mir und trotzdem fühle ich mich jetzt, da ich angefangen habe in dieses weiße Feld zu tippen wieder voller Ideen und Fragen an dich, aber ich denke, es wäre besser es bei der einen Frage zu belassen und mir die Anderen (obwohl ich sie ganz bestimmt vergesse) für spätere Briefe aufzuheben. Ich habe ehrlich gesagt sofort als ich deinen letzten Brief gelesen habe wieder angefangen zu antworten, weil ich schonwieder Tränen in den Augen hatte beim Lesen und irgendwie bist du der einzige Mensch, der das immer und immer wieder zustande bekommt - Freudentränen von mir einzufordern.
Ich hab von dir gelesen und es ging mir schlagartig besser, selbst nach so einem ermüdenden, unangenehmen Tag.

Und noch was:
Du hattest lange Zeit in deinem Status stehen "Heimat ist ein Begriff, der keinen Plural kennt." und auch wenn das sprachlich vollkommen richtig ist, muss ich dir in anderen Hinsichten mittlerweile widersprechen. Heimat kann vieles sein. Orte, Städte, Menschen .... vor allem verschiedene Menschen zur gleichen Zeit, die sich nicht an ein und demselben Ort aufhalten, das kann ich jetzt ganz sicher sagen.


Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen.
Ich feier diese Zeile soo sehr,
weil es nicht das ist,
was man erwartet.
♥

Zu Hause kann alles sein Itsu,
auch ein Brief.

Liebe,
~Evoliette


Montag, 12. März 2018

Schmetterlingszufälle

Dear Hanna.

Es ist schon sehr, sehr spät und eigentlich sollte ich bereits schlafen oder zumindest schlafen gehen, aber weil mich dieser Moment gerade berührt, möchte ich dir gerne hier und jetzt schreiben. Ich habe vor einigen Wochen schon einmal angefangen, hier etwas zu tippen, aber dann war doch nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Heute ist er da. Denn heute, gerade vor wenigen Minuten, habe ich diesen Blog hier angeklickt, deinen neuen Post gelesen und du wirst nicht erraten können, was für Musik im Hintergrund gerade lief. [...] Tatsächlich AnnenMayKantereit. Dieser Zufall hat mich so berührt, dass ich es dir jetzt einfach erzählen muss. Allerdings lief nicht Valerie, auch wenn mich das Cover auch unglaublich berührt, sondern Barfuß am Klavier. Dennoch: Wow. Schicksal.


Hanna, du hast mich nach meiner Tante gefragt, und weil es gerade halb 1 Uhr nachts ist, ich in acht Stunden aufstehen muss, es mir nicht gut geht und ich alleine bin, möchte ich dir antworten. Meine Tante hat mich verlassen. Nachdem ich hierher gezogen war, vollkommen abstürzte, nicht mehr wusste, wer ich bin, warum ich bin, als es schlimmer wurde, als sich die ganze Welt einfach nur noch nach Schmer anfühlte, habe ich viele Menschen in meinem Leben vernachlässigt und auch sie zählte darunter. Sie machte einen Schlussstrich und ließ mich seitdem nicht mehr in ihr Leben. Ich habe sie nicht gesehen seitdem, und ich scheue mich davor, ihr gegenüber zu treten. Sie war jahrelang ein fester Bestandteil meines Lebens, meine beste Freundin in den schwersten Zeiten, doch wie das Leben so spielt, wollte sie mich irgendwann nicht mehr. Ich bin auch heute noch oft sehr traurig darüber, aber ich weiß, dass es ihr gut geht, mit ihrem Mann, ihren Katzen, ihren Büchern, und ich versuche, das Beste zu geben, um so stabil zu werden, dass sie mich eines Tages vielleicht wieder in ihr Leben lässt. (Ich bezweifle es im Moment ein wenig.)

Weißt du: Ich glaube, wir alle sind ein wenig durch unsere Familien verstört. Ob es die Genetik ist, die uns Krankheiten, gewisse Veranlagungen, Depressionen mitgibt, oder ob es die Erziehung ist, die uns verkorkst. Meine Familie beispielsweise weicht jedem Streit und jeder Kritik aus. Sie ist gut darin, eine heile Welt vorzuspielen, obwohl hinter der Fassade ganze Universen zusammenbrechen. Ich habe das nahtlos von ihr übernommen. Lieber verdränge und heuchle ich vor, als die Scherben zusammenzukehren und zu kitten, was noch zu kitten ist. Es fällt mir schwer, aus diesem Muster auszubrechen, auch wenn ich es so gut es geht versuche. Doch immerhin habe ich jahrelang in dieser Familie gelebt, bin damit aufgewachsen... Es ist nicht leicht, zu erkennen, dass etwas nicht ganz richtig läuft, wenn man es nicht anders gewohnt ist. Aber ich habe das Gefühl, jetzt, wo ich nicht mehr bei ihnen wohne, es besser zu erkennen. Und ich will es besser machen. So gut es nur geht. Denn ich glaube, wir haben die Wahl. Wir haben immer die Wahl. Und wenn meine Familie mir Kritikunfähigkeit und einen Hang zum Alkoholismus mitgibt, dann werde ich alles dafür tun, nicht dieselben Fehler zu machen wie sie. Ich glaube nicht an Schicksal, ich glaube daran, dass ich mein Leben selbst leiten, selbst in die richtige Richtung schieben kann. Mein Leben gehört mir.

Weißt du, Hanna, ich muss oft an dich denken. Ich liebe es, an dich zu denken, an das Mädchen, das so weit weg von mir ist und doch so nahe. Ich liebe es, dass du irgendwo da draußen ein anderes Leben führst, studierst, aus deinem Fenster hinausblickst und die Autos beobachtest, spazieren gehst, dich mit Freunden triffst, am Leben teilnimmst. Ich liebe es, dass du da draußen bist und lebst, und in schlimmen Momenten tröstet mich dieses Wissen, dass du lebst. Bitte mach weiter damit. Es ist so schön, dich in meinem Leben zu haben. [...] Huch, ich werde sentimental. Ich sollte mich wohl ganz schnell in mein Bett begeben und schlafen, denn morgen ist ein neuer Tage und ich hoffe sehr, dass es mir morgen besser gehen wird. Manchmal hilft Schlafen einfach gegen alles.

Ich hab' dich so furchtbar lieb.

Itsu

Freitag, 9. März 2018

Schmetterlingsfamilie

Hay Itsu,
es ist 2:21 morgens, ich bin ein paar hundert Kilometer von der Adresse entfernt zu der du immer deine wundervollen Briefe geschrieben hast. Ich habe übrigens alle aufgehoben und vor, sie alle in ein Album zu kleben, sobald ich mal Zeit habe, was bestimmt nie vorkommen wird.
Ich habe ein bisschen Alkohol intus und das Bedürfnis, mich dafür bei dir zu entschuldigen aber vor etwa einer halben Stunde saß ich im Wohnzimmer dieses herrlich verwinkelten Hauses, das mein besonderer Mensch lieben würde und habe ganz laut AnneMayKantereit mitgesungen, das ich damals nicht mochte, als ich es von dir gehört habe und langsam erst so richtig lerne zu lieben, auch wenn "lieben" vermutlich etwas übertrieben ist. Es tut mir auch Leid, dass ich so lange gebraucht habe zu erkennen, was du daran liebst. Naja also ich saß da und meinte mich zu erinnern, dass du mir damals erzählt hast, wie gut du dich mit deiner Tante verstehst und wie erwachsen du dabei geklungen hast. Irre ich mich? Es ist schon so verdammt lange her ...

Jedenfalls muss ich unweigerlich an dich denken, liebe süße Itsu, wenn ich diese Musik höre und so war es mir ein Bedürfnis, dir jetzt sofort zu schreiben. Wenn ich dir nicht schreibe, schreibe ich gar nicht mehr.

Erinnerst du dich noch daran, wofür du früher das Internet genutzt hast? Als man noch nicht sämtliche Filme der Welt streamen konnte, als man es noch nicht zum Lernen brauchte und Internet nicht immer und überall verfügbar war. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, während meines Aufenthaltes hier keine Verbindung mit dem Internet aufzubauen und mir meine Ruhe zu nehmen, aber ich hab mein Vorhaben gebrochen und mir für diesen Post das Passwort geben lassen und trotzdem hab ich nicht das Gefühl, meinen Vorsatz gebrochen zu haben. Dir zu schreiben ist für mich immernoch mehr so, als würde ich mit dem Füller auf Papier rumkritzeln, auch wenn ich unterm Strich noch nicht einmal etwas handschriftlich für dich auf Papier verfasst habe, was sträflich ist, wenn ich etwas genauer darüber nachdenke.

Wovon ich dir nun eigentlich erzählen wollte. Was ist aus der Tante eigentlich geworden? Ich hatte meine 8 Jahre meines Lebens nicht gesehen und dann nochmal 4 und nun bin ich hier und habe ein bisschen das Gefühl, sie vermisst zu haben - schonwieder. Und dann, nur weniger Minuten nach diesem Moment mit der AnneMayKantereitMusik fiel mir ein, dass ich von einer Seite meiner Familie Depressionen habe und von der anderen vielleicht irgendwann ein Alkoholproblem und fragte mich, ob mein Leben deshalb schon  irgendwie von Anfang an verwirkt war und ob ich deshalb so Angst davor hatte, irgendwann mal den Großteil meiner Zeit allein mit meinen Kindern zu erbringen, wenn ich älter bin, ohne (m)einen Mann. Ein ziemlich ernüchterner Gedanke.

Hay Itsu, überleg mal wie lange wir uns jetzt schon kennen. Mit genug Liebe und ausreichend Abstand ist aus uns beiden echt was geworden, das viel viel länger lebt als ein Schmetterling.


Oh man ich liebe diesen Song, echt jetzt.
Naja, auf jeden Fall ist es schon irgendwie komisch, was aus Menschen wird, die alles dafür tun, irgendwie für bestimmte Menschen perfekt zu werden. Kannst du dir vorstellen, dass die meisten Leute, die meine Eltern kennen sie um ihre Kinder beneiden? Es ist ja nicht so, alsob ich das nicht mitbekommen würde. Ich frage mich, ob es das ist, was ich die ganze Zeit über bezwecken wollte und ob ich darauf stolz sein sollte, nun kaum noch Stress mit meinen Eltern zu haben und was aus mir geworden wäre, wenn ich einfach so geblieben wäre, wie mich Lucy mochte, oder N. oder all die Menschen, die ich bisher enttäuscht habe, indem ich nicht so war, wie ich hätte sein müssen um sie nicht zu verlassen, oder zumindest besser zu verlassen, als ich es nun letztendlich getan hatte, insofern es tatsächlich irgendwie möglich ist jemanden "auf gute Art und Weise" zu verlassen.

Ich bin eine ziemlich weiter Strecke hierher gefahren mit meinem eigenen Auto und frage mich gerade, wie weit weg du wohl von hier aus gesehen bist. Vielleicht bist du ja ganz nah?
Ich werde jetzt, denke ich, diesen Valerie-Coversong nochmal anstellen, den Laptop zuklappen und noch ne Zeit lang an dich denken, bevor ich heute viel zu spät einschlafe.

Hay,
ich hab dich lieb!
Schlaf gut,
~Evoliette