Freitag, 9. März 2018

Schmetterlingsfamilie

Hay Itsu,
es ist 2:21 morgens, ich bin ein paar hundert Kilometer von der Adresse entfernt zu der du immer deine wundervollen Briefe geschrieben hast. Ich habe übrigens alle aufgehoben und vor, sie alle in ein Album zu kleben, sobald ich mal Zeit habe, was bestimmt nie vorkommen wird.
Ich habe ein bisschen Alkohol intus und das Bedürfnis, mich dafür bei dir zu entschuldigen aber vor etwa einer halben Stunde saß ich im Wohnzimmer dieses herrlich verwinkelten Hauses, das mein besonderer Mensch lieben würde und habe ganz laut AnneMayKantereit mitgesungen, das ich damals nicht mochte, als ich es von dir gehört habe und langsam erst so richtig lerne zu lieben, auch wenn "lieben" vermutlich etwas übertrieben ist. Es tut mir auch Leid, dass ich so lange gebraucht habe zu erkennen, was du daran liebst. Naja also ich saß da und meinte mich zu erinnern, dass du mir damals erzählt hast, wie gut du dich mit deiner Tante verstehst und wie erwachsen du dabei geklungen hast. Irre ich mich? Es ist schon so verdammt lange her ...

Jedenfalls muss ich unweigerlich an dich denken, liebe süße Itsu, wenn ich diese Musik höre und so war es mir ein Bedürfnis, dir jetzt sofort zu schreiben. Wenn ich dir nicht schreibe, schreibe ich gar nicht mehr.

Erinnerst du dich noch daran, wofür du früher das Internet genutzt hast? Als man noch nicht sämtliche Filme der Welt streamen konnte, als man es noch nicht zum Lernen brauchte und Internet nicht immer und überall verfügbar war. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, während meines Aufenthaltes hier keine Verbindung mit dem Internet aufzubauen und mir meine Ruhe zu nehmen, aber ich hab mein Vorhaben gebrochen und mir für diesen Post das Passwort geben lassen und trotzdem hab ich nicht das Gefühl, meinen Vorsatz gebrochen zu haben. Dir zu schreiben ist für mich immernoch mehr so, als würde ich mit dem Füller auf Papier rumkritzeln, auch wenn ich unterm Strich noch nicht einmal etwas handschriftlich für dich auf Papier verfasst habe, was sträflich ist, wenn ich etwas genauer darüber nachdenke.

Wovon ich dir nun eigentlich erzählen wollte. Was ist aus der Tante eigentlich geworden? Ich hatte meine 8 Jahre meines Lebens nicht gesehen und dann nochmal 4 und nun bin ich hier und habe ein bisschen das Gefühl, sie vermisst zu haben - schonwieder. Und dann, nur weniger Minuten nach diesem Moment mit der AnneMayKantereitMusik fiel mir ein, dass ich von einer Seite meiner Familie Depressionen habe und von der anderen vielleicht irgendwann ein Alkoholproblem und fragte mich, ob mein Leben deshalb schon  irgendwie von Anfang an verwirkt war und ob ich deshalb so Angst davor hatte, irgendwann mal den Großteil meiner Zeit allein mit meinen Kindern zu erbringen, wenn ich älter bin, ohne (m)einen Mann. Ein ziemlich ernüchterner Gedanke.

Hay Itsu, überleg mal wie lange wir uns jetzt schon kennen. Mit genug Liebe und ausreichend Abstand ist aus uns beiden echt was geworden, das viel viel länger lebt als ein Schmetterling.


Oh man ich liebe diesen Song, echt jetzt.
Naja, auf jeden Fall ist es schon irgendwie komisch, was aus Menschen wird, die alles dafür tun, irgendwie für bestimmte Menschen perfekt zu werden. Kannst du dir vorstellen, dass die meisten Leute, die meine Eltern kennen sie um ihre Kinder beneiden? Es ist ja nicht so, alsob ich das nicht mitbekommen würde. Ich frage mich, ob es das ist, was ich die ganze Zeit über bezwecken wollte und ob ich darauf stolz sein sollte, nun kaum noch Stress mit meinen Eltern zu haben und was aus mir geworden wäre, wenn ich einfach so geblieben wäre, wie mich Lucy mochte, oder N. oder all die Menschen, die ich bisher enttäuscht habe, indem ich nicht so war, wie ich hätte sein müssen um sie nicht zu verlassen, oder zumindest besser zu verlassen, als ich es nun letztendlich getan hatte, insofern es tatsächlich irgendwie möglich ist jemanden "auf gute Art und Weise" zu verlassen.

Ich bin eine ziemlich weiter Strecke hierher gefahren mit meinem eigenen Auto und frage mich gerade, wie weit weg du wohl von hier aus gesehen bist. Vielleicht bist du ja ganz nah?
Ich werde jetzt, denke ich, diesen Valerie-Coversong nochmal anstellen, den Laptop zuklappen und noch ne Zeit lang an dich denken, bevor ich heute viel zu spät einschlafe.

Hay,
ich hab dich lieb!
Schlaf gut,
~Evoliette

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