Es ist schon sehr, sehr spät und eigentlich sollte ich bereits schlafen oder zumindest schlafen gehen, aber weil mich dieser Moment gerade berührt, möchte ich dir gerne hier und jetzt schreiben. Ich habe vor einigen Wochen schon einmal angefangen, hier etwas zu tippen, aber dann war doch nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Heute ist er da. Denn heute, gerade vor wenigen Minuten, habe ich diesen Blog hier angeklickt, deinen neuen Post gelesen und du wirst nicht erraten können, was für Musik im Hintergrund gerade lief. [...] Tatsächlich AnnenMayKantereit. Dieser Zufall hat mich so berührt, dass ich es dir jetzt einfach erzählen muss. Allerdings lief nicht Valerie, auch wenn mich das Cover auch unglaublich berührt, sondern Barfuß am Klavier. Dennoch: Wow. Schicksal.
Hanna, du hast mich nach meiner Tante gefragt, und weil es gerade halb 1 Uhr nachts ist, ich in acht Stunden aufstehen muss, es mir nicht gut geht und ich alleine bin, möchte ich dir antworten. Meine Tante hat mich verlassen. Nachdem ich hierher gezogen war, vollkommen abstürzte, nicht mehr wusste, wer ich bin, warum ich bin, als es schlimmer wurde, als sich die ganze Welt einfach nur noch nach Schmer anfühlte, habe ich viele Menschen in meinem Leben vernachlässigt und auch sie zählte darunter. Sie machte einen Schlussstrich und ließ mich seitdem nicht mehr in ihr Leben. Ich habe sie nicht gesehen seitdem, und ich scheue mich davor, ihr gegenüber zu treten. Sie war jahrelang ein fester Bestandteil meines Lebens, meine beste Freundin in den schwersten Zeiten, doch wie das Leben so spielt, wollte sie mich irgendwann nicht mehr. Ich bin auch heute noch oft sehr traurig darüber, aber ich weiß, dass es ihr gut geht, mit ihrem Mann, ihren Katzen, ihren Büchern, und ich versuche, das Beste zu geben, um so stabil zu werden, dass sie mich eines Tages vielleicht wieder in ihr Leben lässt. (Ich bezweifle es im Moment ein wenig.)
Weißt du: Ich glaube, wir alle sind ein wenig durch unsere Familien verstört. Ob es die Genetik ist, die uns Krankheiten, gewisse Veranlagungen, Depressionen mitgibt, oder ob es die Erziehung ist, die uns verkorkst. Meine Familie beispielsweise weicht jedem Streit und jeder Kritik aus. Sie ist gut darin, eine heile Welt vorzuspielen, obwohl hinter der Fassade ganze Universen zusammenbrechen. Ich habe das nahtlos von ihr übernommen. Lieber verdränge und heuchle ich vor, als die Scherben zusammenzukehren und zu kitten, was noch zu kitten ist. Es fällt mir schwer, aus diesem Muster auszubrechen, auch wenn ich es so gut es geht versuche. Doch immerhin habe ich jahrelang in dieser Familie gelebt, bin damit aufgewachsen... Es ist nicht leicht, zu erkennen, dass etwas nicht ganz richtig läuft, wenn man es nicht anders gewohnt ist. Aber ich habe das Gefühl, jetzt, wo ich nicht mehr bei ihnen wohne, es besser zu erkennen. Und ich will es besser machen. So gut es nur geht. Denn ich glaube, wir haben die Wahl. Wir haben immer die Wahl. Und wenn meine Familie mir Kritikunfähigkeit und einen Hang zum Alkoholismus mitgibt, dann werde ich alles dafür tun, nicht dieselben Fehler zu machen wie sie. Ich glaube nicht an Schicksal, ich glaube daran, dass ich mein Leben selbst leiten, selbst in die richtige Richtung schieben kann. Mein Leben gehört mir.
Weißt du, Hanna, ich muss oft an dich denken. Ich liebe es, an dich zu denken, an das Mädchen, das so weit weg von mir ist und doch so nahe. Ich liebe es, dass du irgendwo da draußen ein anderes Leben führst, studierst, aus deinem Fenster hinausblickst und die Autos beobachtest, spazieren gehst, dich mit Freunden triffst, am Leben teilnimmst. Ich liebe es, dass du da draußen bist und lebst, und in schlimmen Momenten tröstet mich dieses Wissen, dass du lebst. Bitte mach weiter damit. Es ist so schön, dich in meinem Leben zu haben. [...] Huch, ich werde sentimental. Ich sollte mich wohl ganz schnell in mein Bett begeben und schlafen, denn morgen ist ein neuer Tage und ich hoffe sehr, dass es mir morgen besser gehen wird. Manchmal hilft Schlafen einfach gegen alles.
Ich hab' dich so furchtbar lieb.
Itsu
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