In Österreich sind zwar Vorabiturprüfungen gänzlich unbekannt, dennoch hat mir die Schule in letzter Zeit sehr viel Stress bereit. In einem Monat haben wir Notenschluss und die Schularbeiten und Tests reihen sich aneinander. Eine Verschnaufpause kann man sich in so einer Zeit nur sehr selten gönnen. Bis Montag muss ich zum Beispiel den Stoff von zwei Schuljahren Betriebswirtschaft lernen - und ich habe noch nicht angefangen. Aber ich bin eine gute Schülerin und gönne mir auch einmal eine Pause, um dir zu schreiben. Das muss ich ja; sonst würde ich ja zu überhaupt nichts mehr kommen. Auch in den Osterferien sollte ich eigentlich lernen, was ich auch vorhabe, aber ich habe mich dennoch dazu entschlossen, zu A. zu fahren und eben meine Schulsachen mitzunehmen. Ich möchte diese Gelegenheit nicht missen, vor allem, weil es jetzt auch noch eine Gelegenheit für uns geworden ist... ♥
Ich hoffe, dass es dir inzwischen wieder besser gut und du den Stoff nachholen konntest. Ich war zuletzt vor einem Monat ein paar Tage lang nicht in der Schule, aber ich die Weisheitszahn-OP über mich ergehen lassen musste. Da habe ich leider auch ein paar Tage verpasst, was gerade in diesem Schuljahr wirklich nicht schön ist, aber man schafft es ja doch noch, alles irgendwie nachzuholen. Dafür gibt es die armen Wochenenden und Nachmittage, die man viel lieber an der frischen Luft verbringen möchte. Bei uns ist es inzwischen nachmittags richtig warm! Ich kann es kaum erwarten, wenn der Sommer wieder Einzug hält und ich in Kleidern herumlaufen kann. Heute muss ich unbedingt noch in die Stadt fahren, denn ich habe ein so schönes Kleid gesehen, das ich unbedingt haben muss. Wenn du magst, schicke ich dir ein Foto; es ist schweineteuer, aber das Geld lohnt sich für diesen Stoff. Vielleicht haue ich mal meine Mutter an, ob sie mir etwas hilft beim Einkaufen, schließlich schuldet sie mir noch ein kleines Geburtstagsgeschenk, haha. Jetzt, wo Sommer wird und ich im Winter Geburtstag hatte. Achja: In 9 Tagen hast du Geburtstag. Ich hoffe, du wirst ihn gebührend feiern!
Liebes, das ist aber auch absolut nichts Schlimmes, wenn es dir gleichgültig ist, dass du Menschen, denen es schlecht geht, nicht helfen kannst. Das musste auch ich über die Jahre lernen: Man kann nicht mit jedem gut Freund sein und man kann schon gar nicht jedem helfen. Die meisten Leute müssen sich selbst helfen, denn von außen kann man dabei oft nichts ausrichten. Aber das verstehen sie oft nicht, sie krallen sich an einem fest und glauben, dass man ihnen aus ihrer Misere raushelfen kann, dabei liegt es einfach nur an ihnen. Klar kann man ihnen beistehen, Ratschläge geben und eine Schulter zum Ausheulen sein... Aber man muss ja nebenbei auch sich selbst retten. Und das ist das Wichtigste, auch wenn es egoistisch klingt: Man muss erstmal sich selbst retten.
Ich hatte früher auch diesen Helferkomplex. Ich wollte immer mit jedem befreundet sein und überall helfen, auch wenn ich wusste, dass diese Menschen mich danach trotzdem wieder abschreiben würden. Auch heute passieren mir noch solche Ausrutscher, aber inzwischen bemerke ich es, wenn das unnötig ist oder ich hier einen Fehler gemacht habe. Man muss das einfach lernen, denke ich. Ich glaube auch nicht, dass es dir unbedingt gleichgültig ist, ich glaube, das ist das falsche Wort. Du hast einfach gelernt, dass man manchen Menschen nicht helfen kann und es würde dir und deiner Psyche immens schaden, wenn du tagelang über diesen Menschen grübeln würdest. Du hast gelernt, wann es gut ist, dem anderen zu helfen und wann es dir kein Kopfzerbrechen bereiten muss. So einfach ist das.
Die Serie, die du erwähnt hast, kenne ich nicht. Ist es nicht schade, dass all diese Serien, die wir in unserer Kindheit so vergöttert haben, nicht mehr existieren? Meine Nachmittage waren erfüllt von Cosma und Wanda, der Gummibärchenbande, Hanna Montana und Kim Possible (und noch vielem mehr) und wenn ich heute den Fernseher einschalte und auf diese Sender schaue, überkommt mich eine Übelkeit, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Früher war einfach alles besser, um es in den Worten meiner Großmutter zu sagen. Und als Kind war alles erst recht besser, wenn die Familie sich noch mehr um einen selbst versammelt hat, wenn sie einen umsorgt hat, wenn man immer jemanden hatte, der mit einem spielte. Natürlich war die Welt da für das Kind in dir besser. Mir ging es doch genauso; da war meine Mutter, die immer da war, meine Schwester, mit der ich mich gut verstand, und ein ganzes Gasthaus als unser Spielplatz.
Heute hasse ich diese beiden Menschen und verbringe meine Zeit am liebsten vor dem PC, alleine in dieser Wohnung, ohne von ihnen gestört zu werden. Heute ist vieles anders; weil ich erwachsen geworden bin. Ich sehe diese Menschen nicht mehr nur unter dem Schleier der Familie, sondern ich sehe die Menschen darunter. Und mir gefallen diese Menschen nicht, ganz im Gegenteil. Heute hasse ich sie, und in manchen Momenten tue ich das so inbrünstig, dass ich mich vor mir selbst erschrecke. Ich bin erwachsen geworden. Ich habe gelernt, dass die Familie nicht unfehlbar ist und schon gar nicht superperfekt. Ich habe gelernt, dass das hier nicht mein Zuhause ist und dass es sehr leicht ist, sich davon zu lösen. Ich habe gelernt, dass meine Heimat nicht hier ist... sondern in Dresden.
Die Familie, die ich hier habe, diese Blutbande, sehe ich nicht als Familie an. Meine Freunde sind zur Familie geworden und das ist schon seit langem so. Ich brauche sie - nicht die Familie hier, der ich am liebsten aus dem Weg gehe. Ich habe mich von hier in dem Moment gelöst, als ich den Schleier, der darüber lag, weggerissen habe und den Schmutz darunter sah. Ich will mit all dem Dreck nichts mehr zu tun haben. Ich will zu meiner echten Familie, zu A. und zu D. und ich will mit ihnen ein Leben führen, das ich verdiene.
Ich sage es dir mit den Worten aus Gossip Girl, einer Serie, die ich derzeit wieder abgöttisch liebe:
Maybe it's not blood bonds that make us family.
Perhaps it's the people who know us and love us anyway.
So we can finally be ourselves.
So früh am Morgen habe ich diesen Post geschrieben und so voller Hass ist er am Ende geworden. Es hat geholfen, das Ganze raus zu lassen, auch wenn es nicht schön zu lesen war. Ich werde mir jetzt ein schönes kaltes Glas Cola gönnen und dann in die Stadt fahren und diesen Laden plündern. Mit diesem wundervollen Kleid. Und wenn ich zurückkomme, bist du vielleicht sogar da, damit wir ein bisschen quatschen können. Ich bin nämlich schon so gespannt, ob deine Eltern zustimmen! Wie schön wäre es eigentlich, diesen Blog mit Fotos von uns auffüllen zu können, zu zweit! Wie schön wäre das eigentlich, OH MY GOSH. ♥
Ich hab dich immer lieb, mein schöner Schmetterling.
Ines