Samstag, 21. Juli 2018

Der schönste Schmetterling, der man sein kann

Hay Liebes,
diese Woche ist ein Schmetterling in meine Straßenbahn geflogen und ich habe ihn so lange hartnäckig mit meinen Augen verfolgt, bis ich sicher sein konnte, dass er es wieder rausgeschafft hat. Letztendlich war er nur ein paar wenige Stationen in der Bahn gefangen aber er tat mir unsagbar Leid, in dieser kurzen Zeit.
Außerdem lief eben gerade "Pocahontas" von AnnenMayKantereit auf der Party, auf der ich war also bin ich von dort aus nach Hause gegangen, um dir zu schreiben.

In deinem letzten Post (den ich eben erst gelesen habe), hast du gemeint, dass ich immer eine Richtung habe, in die ich mich fortbewege und mich gefragt, ob ich die beste Version meiner selbst bin. Ich glaube, ich kann dir dazu einen langen Blogpost verfassen und das werde ich jetzt auch tun:

Ich war eines dieser Kinder, die von klein auf wussten, was sie machen wollten. Hat man mich gefragt, was ich später machen will, was ich haben oder sein will, hatte ich ein paar sehr einfache Antworten darauf:
Ich möchte lange Haare haben.
Ich möchte Modedesignerin werden.
Ich möchte eine Katze haben und ein Baumhaus und ich möchte eine kleine Tochter haben.

Ersteres ließ sich damals ziemlich gut verwirklichen und ich bin heute auch immernoch sehr zufrieden damit. Das Zweite allerdings - meine Berufung - meinen Lebenstraum - habe ich mir tatsächlich ausreden lassen. Ich habe sehr viel Zeit und Kraft investiert, mich dagegen zu wehren aber ich merke heute, dass ich es nichtmehr verfolge. Es hat für mich keine Priorität mehr, keine Wichtigkeit. Es war ein so fester Bestandteil meiner selbst und nun ist es weg.
Ich wurde gelehrt, dass ich einen Plan haben muss um zu erreichen war ich will und das ist es, was ich tue:
Ich mache Pläne.
Das ist es, was ich kann, was mir liegt und was fast immer gut geht. Ich mache Pläne und diese Pläne sind gut und dadurch bekomme ich in der Regel, was ich möchte, realisiere, was ich mir vornehme. Ich bin ein Mensch, der bekommt, was er möchte, ein Mensch, dem Dinge gelingen.

Umso mehr wirft es mich aus der Bahn, wenn Dinge passieren, die etwas zu Nichte machen. Plötzlich brechen mir Menschen weg. Für die Realisierung großer Pläne braucht man allerdings ein Team, oder irgendetwas kommt dazwischen und es gibt für mich in der Regel keinen Plan B.

Ich kann verstehen dass es Leute gibt, die mich vielleicht für meine Art zu leben bewundern. Ich sehe, dass es so ist in den Augen aller Menschen, die mitbekommen, was ich alles mache und unter einen Hut kriege und die es anerkennen, allerdings ohne auch nur den geringsten Gedanken daran, das selbst auch tun zu können. In Wahrheit würde denke ich, niemand gern so leben wie ich.

Meiner Lebenseinstellung: Dinge hinter mir zu lassen, die mich behindern oder runterziehen könnten, habe ich viele Menschen geopfert, Menschen, die ich sehr liebe, aber auch Menschen, die diese Menschen nun nichtmehr sind. Wenn ich mir allerdings diejenigen Menschen ansehe, die noch übrig geblieben sind bzw. diejenigen, die ich von allen am meisten mochte, so waren das doch immer auf ihre Art und Weise sehr eigene Menschen. Aufbrausend. Extrovertiert auf den ersten Blick aber mit einer tiefen Seele. Spontane Menschen. Unikate.
Meine älteste Freundin, die du als "mein Weib" kennst, hat mir erzählt, dass sie dieses Jahr ein Wochenende spontan mit ihrer Mitbewohnerin nach Disneyland gefahren ist. - Einfach so, weil sie Bock drauf hatte. Sie macht immer wieder Kurztrips und ist gewandt was die englische Sprache betrifft. Sie hat unsichere Momente aber für mich ist sie einfach grandios und furchtlos und fantastisch. Sie führt eine Art von Leben, die ich mir nicht vorstellen könnte, die komplett gegen meine Natur spricht, ein spontanes, abenteuerreiches Leben, ein Leben, aus dem man einfach Geschichten erzählen kann, ein Leben, dass ich manchmal beneide. Ich liebe sie abgöttisch dafür, dass sie es ab und an mit mir teilt.

Auch die anderen Menschen in meiner Umgebung müssen für mich immer etwas haben, etwas besonderes, herausstechendes, damit ich überhaupt den Willen aufbringen kann, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu wollen. Ich bin sehr schnell von Menschen erschöpft und/oder gelangweilt und das ist eine sehr schlechte Eigenschaft von mir. Ich gebe Menschen keine Chance.
Mein besonderer Mensch hat mich im letzten Jahr dazu gedrängt, über meinen Schatten zu springen und mich darauf einzulassen, Freundschaft mit jemandem zu schließen, der introvertiert ist und eher schüchtern und mich reden lässt, mich laut und anstrengend sein lässt, ohne etwas dagegen zu haben, ein ... ja vermutlich ein bisschen ein Mauerblümchen.
Ich habe mein Bestes gegeben, mich darauf einzulassen und mitlerweile habe ich sie immer und immer mehr in mein Herz geschlossen.

Itsu,
als ich mein Studium begonnen habe, habe ich zu meiner Mutter gesagt "Egal ob mir dieses Studium gefallen wird oder nicht, ich werde es durchziehen." Das hätte ich getan, ehrlich, auch wenn es mich unglücklich gemacht hätte und weißt du warum? Das ist der Plan gewesen und ich bin nunmal so. Mitlerweile liebe ich mein Studium vom ersten Semester an aber das war mehr Glück, als alles andere. Ich habe auch während meines Lebens einige Entscheidungen getroffen, Dinge zu wollen, die sich im Nachhinein betrachtet als gar nicht so gut rausstellten, aber ich wollte sie und bekam sie und habe mich damit arrangiert, damit zu leben. Aber nur, weil ich den Plänen, die ich mache, strickt folge und sie aufgehen lasse, heißt das nicht, dass mein Leben besser ist als das von irgendwelchen anderen Personen.
Ehrlich gesagt wäre ich nie fähig dazu, mich mal in mein Auto zu setzen und einfach irgendwohin zu fahren, meine Freundin und einige Sachen zu packen und einen Kurztrip zu unternehmen oder auch nur, wenn ich es wollte, ein Wochenende ins Disneyland zu fahren.
Ich bin spießig, unflexibel, herrisch, egozentrisch, ungeduldig, leicht reizbar, ich bin eine schlechte Freundin, ich bin laut und anstrengend, ich bin eine Angeberin, ich bin neidisch. Ich komme mit mir selbst nicht klar und kann selbst nach wie vor nicht lange mit mir allein sein. Ich bin außerdem stolz, was dazu führt, dass ich solche Dinge in der Regel nicht ausspreche und ich muss weinen, wenn ich wütend werde. Ich bin ängstlich. Ich bin oberflächlich. Ich verbringe einen viel zu großen Teil meiner Zeit damit, zu vermissen.

Was ich damit sagen will: Obwohl der Großteil meines Lebens immer darauf ausgerichtet war, Dinge richtig zu machen statt mich selbst wirklich restlos glücklich, habe ich es dennoch nicht geschafft, für alle Beteiligten die beste Version meiner selbst zu sein. Vielleicht bin ich das für meine Mum aber das wars auch schon. Auch wenn es für anderen Menschen so aussehen mag, als würden mir alle Dinge, die ich tue zufliegen, es steckt immer eine Menge Anstrengung dahinter ...auch wenn diese Anstrengung an manchen Tagen darin besteht, sich aufzuraffen morgens aufzustehen.

Liebes, es sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, die bester Version seiner selbst zu sein, die man aus teifsten Herzen sein will oder die beste Version seiner selbst zu sein, die man für andere Personen sein kann. In den wenigsten Fällen, kannst du beides zeitgleich und irgendwie trage ich dies als eine Gewissheit mit mir, die sich unumstößlich tief in mir verwurzelt anfühlt. Als eine Wahrheit. Eigentlich trifft der Satz "Du kannst es nie allen recht machen" ziemlich gut.

Ich finde man muss immer aufpassen, dass man selbst immer genau so viel für sich selbst tut, dass alles weiterlaufen kann. Solange ich meinen Plänen nachgehen funktioniert alles, solange bin ich beschäftigt, solange sieht alles gut aus. Ich mache mir Listen, weißt du? Vielleicht hilft dir das
"Was bringt mich weiter? - im Studium - im Privatleben - für späteren Berufserfolg - für einen volleren Geldbeutel - für meine Seele. Alles einzelnen Liste, wenn mir wieder was einfällt, arbeite ich es ab..
Gerade jetzt tut es mir in der Seele gut, dass es dich gibt, dass ich dir schreiben kann, dass ich deine Briefe lesen kann. Nicht, dass IRGENDWER da draußen ist, sondern dass genau DU es bist. Mein kleiner Schmetterling!

Und wenn du dich gerade mal wieder so fühlst, als würdest du nicht weiterkommen, bist du vielleicht wie mein Schmetterling den Tag nur in einer Bahn eingesperrt. Es dauert vielleicht gar nicht so lange wie du denkst, dich wieder daraus zu befreien und wenn du es dann rausgeschafft hast, stellst du vielleicht sogar fest, dass sich die Bahn ganz ohne dein Zutun schon weiter bewegt hat - ein paar Stationen weiter in die richtige Richtung.

Ich hab sich sehr lieb, Liebes.
Schreib mir, wie deine neue Wohnung sich anfühlt!
Schlaf gut.

♥
~Evoliette

Montag, 9. Juli 2018

Ist es das, wie Leben sich anfühlt.

Dear Hanna.

Neben dem Studium und der Arbeit habe ich es in den letzten Monaten irgendwie geschafft, ein paar Serien zu schauen, von denen mir vor allem meine Mitbewohnerin immer wieder vorschwärmt. Auch "sense8" war darunter, eine Serie auf Netflix, in der es um acht Menschen geht, welche plötzlich telepathisch miteinander verbunden sind und neben ihren alltäglichen Problemen nun auch noch damit klarkommen müssen, sieben anderen Stimmen im Kopf zu haben. Die Serie hat mir unglaublich gut gefallen, sodass ich sie gerade auch noch ein zweites Mal schaue, und ich liebe sie inzwischen sehr. Es gibt viele schöne Szenen mit Sätzen, die sehr zum Nachdenken anregen, und der Satz, der mich dazu bringt, dir heute diesen Blogpost zu schreiben, ist folgender:

Stecken wir fest oder ist das nur, wie Leben sich anfühlt?

Ich weiß nicht, ob du dieses Gefühl kennst. Wenn ich deine letzten Blogposts so lese - was ich gerne immer wieder tue, wenn es mir schlecht geht und ich das Gefühl brauche, dass irgendjemand auf dieser Welt ab und zu an mich denkt - dann weiß ich es nicht. Du klingst so, als würdest du total mit dem Leben schwimmen, immer wissen, was deine Zukunft bereithält, niemals stehen bleiben. Du studierst, du lebst, du machst etwas. Du weißt, dass du weiter studieren möchtest, du weißt ungefähr, was du danach tun wirst. Du hast Ziele, Wünsche, Träume.
An manchen Tagen weiß ich nicht, ob ich so etwas noch habe. An manchen Tagen fühlt es sich für mich so an, als wäre ich irgendwo stecken geblieben. Als wäre ich die, die ich vor zwei Jahren war. Als hätte sich seitdem nichts geändert, als würde ich immer noch an denselben Problemen nagen und nicht vorankommen. Als wäre da eine Mauer, die verhindert, dass ich mich weiterentwickle. Vielleicht ist das auch nur dieses "Erwachsensein", von dem alle sprechen. Vielleicht fühlt sich dieses Erwachsensein so an. Als ob man am Ende angekommen wäre. Als ob da nichts mehr wäre, was es zu erreichen gilt. Weil sich alles so... weit weg anfühlt. So unerreichbar.

In einer Woche ziehe ich um. Heute in einer Woche und um diese Uhrzeit - es ist jetzt 21:37 Uhr - sitze ich in meiner neuen Wohnung in meinem neuen Bett. In einer anderen Stadt. Immer noch mit meiner Mitbewohnerin, aber trotzdem wird irgendwie alles anders sein. Eine neue Umgebung, die es zu erkunden gilt, neue Einkaufsläden, neue Nebenstraßen, ein neuer Bahnhof, neue Zugfahrten, neue Gleise, von denen man abfährt. Eine ganz neue Welt, in gewisser Weise, auch wenn sie nur 20 Minuten Zugfahrt von meinem momentanen Zuhause entfernt ist... Es liegen Welten dazwischen. Morgen in einer Woche werde ich immer noch 22 Jahre alt sein, ich werde immer noch komplett ausgewaschenes Haar haben, immer noch braun gebrannt sein, weil ich diesen Sommer öfter draußen war als je zuvor. Werde immer noch ich selbst sein, und doch wird sich etwas, eine Kleinigkeit und doch etwas so Großes, verändert haben... Dann bin ich nicht mehr Duisburgerin, sondern Gelsenkirchnerin. (Schon krass, wie sich alles verschiebt.)
Leben geht weiter, immer. Das Leben um mich herum dreht sich immer weiter. Leute kommen und gehen. Ich ziehe um. Das Semester ist fast vorbei. Die Klausuren rücken näher. Meine Mitbewohnerin hat einen neuen Freund. Meine Arbeitskollegin ist im Krankenstand. Meine Unikollegin ist gerade auf Bootsfahrt in den Niederlanden. Es ist warm, bald ist es wieder kalt. Es passiert so viel. Dazwischen stehe ich und weiß nicht recht, ob ich mitschwimmen, mitlaufen soll, oder ob ich nicht zu müde dafür bin. Ob ich nicht lieber stehen bleiben möchte... Einfach aufhören will. Es einfach beenden?

In sense8 kommen noch viele andere schöne Sätze vor. Sätze, die zum Nachdenken anregen. "Das Leben lässt nicht immer zu, dass wir die beste Version unserer selbst sind." Vielleicht wäre ich jemand anderes geworden, hätte ich keine Depressionen. Vielleicht wäre ich besser, schöner, würde ich anderen Menschen mehr Freude machen, wäre ich nicht so feige. Vielleicht hätten mich nicht so viele Menschen, wäre... hätte... was wäre, wenn... Dieses Gedankendenken wollte ich mir eigentlich schon lange abgewöhnen. Ist gar nicht so einfach.
Denkst du, du bist die beste Version deiner selbst, Hanna? Denkst du, du lebst dieses Leben als die beste Version von dir, die du dir, der Welt, den Menschen um dich rum, bieten kannst? Ich glaube, das ist irgendwie mein Ziel. Die beste Version meiner selbst zu sein. So zu sein, dass nicht nur andere mich lieben können, sondern auch ich mich selbst.

Ich hab dich lieb. Als Abschied hinterlasse ich dir ein schönes Zitat aus meiner neuen Lieblingsserie:

Das Unmögliche ist nur einen Kuss von der Wirklichkeit entfernt.

Ines