Sonntag, 3. Dezember 2017

Atmen

Dear Hanna.

Ein Jahr und länger ist es jetzt her, dass du deinen letzten Post auf "Evoliette" veröffentlicht hast. Ein Jahr, in welchem ich nichts von deinem Leben gelesen habe, mal abgesehen von deinen "Dear Mary Sue" Posts hier, die mich halb zum Weinen brachten vor Freude, die mich glücklich machten in sehr, sehr dunklen Momenten, in denen ich genau das gebraucht habe. Verrückt, wie schnell die Zeit vergeht, nicht wahr? Ein Jahr. Kaum zu glauben, dass jetzt wieder Schnee liegt, dass Adventszeit ist, ich jeden Tag ein Türchen öffnen kann, Weihnachten entgegen fiebere. Es ist Adventszeit... Manche denken in dieser Zeit an ihre Familien, ich denke an dich.

Ich weiß nicht, ob ich sagen kann, dass es mir gut geht. Gerade geht es mir gut. Gerade fahre ich von Karlsruhe nach Hause, hatte ein wunderschönes Wochenende mit meinem Freund und bin motiviert, gut drauf, ja, vielleicht sogar glücklich. Ich weiß aber auch, dass es Tage gibt, an denen ich diese Art von Gefühlen nicht nachvollziehen kann, an denen es mir alles andere als gut geht und ich fürchte diese Tage, diese Tage, an denen Nacht in meinem Herzen ist und ich nicht so fliegen kann, wie ich es gerne tun würde. Ich habe immer Angst vor diesen Tagen.

Ich schreibe nicht mehr viel, mal abgesehen von einigen Rollenspielen. Ich versuche es ab und an, aber mir fehlen die zündenden Ideen, die Ausdauer, die Zeit und Lust, mich hinzusetzen und einfach mal Seiten um Seiten zu füllen. Manchmal schaffe ich es, ein oder zwei Seiten zu schreiben, bei der Geschichte um Hanna und Thea, die in La Push landen, zum Beispiel, aber es ist nicht mehr so wie früher, wo die Worte einfach geflossen sind wie Honig. Ich werde erwachsen, ist es das? In ein paar Wochen werde ich 22 Jahre alt. Ich habe eine Wohnung, ein Studium, Arbeit, eine Beziehung. Fühlt sich alles schon sehr erwachsen an. Ich meine, ich hole Preisvorschläge für Laminat ein. Krass.

Leben macht manchmal müde... Erwachsen sein macht müde... Diese Routine, die es mit sich bringt, das Studium, für das man aufsteht, die Routine in der Arbeit, den Haushalt zu schmeißen, die Zeit, die man in eine Fernbeziehung investiert, den Rest der Zeit so zu koordinieren, um auch andere Freunde nicht komplett vor den Kopf zu stoßen... Leben ist anstrengend, aber irgendwie liebe ich es so sehr. Ich atme... Ich atme momentan gerne, und das ist das Beste, was ich gerade schreiben kann, für mich, dass ich momentan gerne atme, nicht damit aufhören möchte. Worte bringen mich momentan kaum zum Schweben, zum Fliegen, ich versuche wieder mehr zu lesen, ich schreibe meinen Blog (hey, siehst du, wie lange ich ihn schon führe, nach all den Jahren, in denen ich das nicht geschafft habe?), aber es geht nichts anderes über Musik. Musik ist das, was mich momentan am meisten zum Fliegen bringt, kennst du das Gefühl? Einfach die richtige Musik und dann schwebt man. Vielleicht wurde die Tinte aus meinen Flügeln gesaugt, vielleicht ist sie weg, oder sie ist begraben, ich weiß es nicht... Aber ich atme immer noch, und ich denke immer noch an dich. So oft!

Liebe Hanna, ich hoffe, dass auch du Freude hast am Atmen und am Leben. Am Erwachsenwerden, so anstrengend und ermüdend es manchmal auch sein kann. Schreib mir mal wieder, schlag ein wenig mit deinen eigenen Tintenflügeln, vielleicht geben auch meine dann mal wieder etwas von sich. Bis dahin wünsche ich dir eine wunderschöne Adventszeit und Weihnachten mit deinen Liebsten. Ich denke auch weiterhin an dich.

Ines