Straßenkind.

Charlotte Nils

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☆ Name Charlotte Henrietta Nils
☆ Spitzname Charlie
☆ Alter 17 Jahre
☆ Geburtstag 1. Januar → Steinbock

☆ Nationalität Deutsch
☆ Wohnort Venedig; Italien
☆ Beruf Prostituierte

☆ Sexuelle Orientierung heterosexuell
☆ Beziehungsstatus Single

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☆ Haare rote Locken
☆ Augen grün
☆ Statur schlank | wirkt zart und zerbrechlich | Körbchengröße C
☆ Größe & Gewicht 1.72 | 58
☆ Stil figurbetont | auffällig | sexy
☆ Besondere Merkmale breites braunes Lederband am rechten Handgelenk | im Sommer Sommersprossen, die sie viel jünger wirken lassen

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☆ Mutter Judith Nils → 45
☆ Vater unbekannt

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☆ Charakter launisch | entschlossen | egoistisch | jähzornig | willensstark | stur | gerissen | sarkastisch | nachdenklich | sadistisch | intelligent | weiß ihre weiblichen Reize einzusetzen
☆ Vorlieben Nudeln mit Hühnerfleisch vom Chinesen | scharfes Essen | Oreo-Milka | Schildkröten | Blumen | das Meer | große leere Räume | Mosaik
☆ Abneigungen Müsliriegel | Wespen | Spinnen | Aufzüge | Venedig | Männer
☆ Macken Kaffee | Zigaretten | Alkohol | Platzangst | Allergie gegen Wespen & Haselnüsse
☆ Geheime Wünsche nach Deutschland reisen und ihre Verwandten suchen | nicht mehr als Prostituierte arbeiten zu müssen

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Charlie besitzt keinerlei Erinnerung an die ersten vier Jahre ihres Lebens, die sie in Deutschland verbrachte. Vermutlich wurde diese Gedächtnislücke durch einen heftigen Schlag gegen ihren Kopf ausgelöst; aufgrund dieser Lücke weiß das Mädchen nichts Genaueres über ihren Geburtsort oder mögliche Verwandte. Ihre Mutter weigerte sich stets, irgendetwas über die Zeit vor ihrer Flucht nach Venedig zu erzählen, geschweige denn von ihrem Vater. Deshalb nimmt Charlie an, dass ihr Umzug und ihr Gedächtnisverlust mit ihm zu tun haben.
Charlies Erinnerung setzt im Asylantenheim am Rande von Venedig ein, das ihre Mutter und sie aufnahm und versorgte; dies waren die besten Jahre in Charlies neuem Leben, denn dort gab es eine Kinderkrippe und sie konnte unbesorgt mit Gleichaltrigen spielen, während ihre Mutter versuchte, einen Job zu bekommen. Nach der zweijährigen Schonfrist zog die kleine Familie in eine kleine Wohnung und versuchte, auf eigenen Füßen zu stehen - und das Glück war ihnen hold. Obwohl Judith Nils nur gebrochenes Italienisch sprach, schaffte sie es, sich mit Teilzeitjobs über Wasser zu halten, sodass Charlie sogar in die Schule gehen konnte. Über das Geld mussten sie sich auch bald keine Sorgen mehr machen, denn Judith lernte einen Mann kennen, der die beiden oft zum Essen einlud und sich rührend um Charlie kümmerte. Diese aufkeimende Beziehung endete jedoch abrupt, als sich herausstellte, dass dieser liebe und fürsorgliche Mann Alkoholiker war. Judith brach sofort den Kontakt ab - für Charlie ein weiterer Hinweis darauf, dass vielleicht ihr Vater ein schwerer Trinker gewesen war und ihre Mutter deswegen solche Angst vor diesen Leuten hatte.
Das Ende dieser Beziehung läutete leider auch das Ende ihrer Glückssträhne ein. Judith wurde gefeuert und musste sich nun Tag für Tag darum bemühen, irgendwo Geld für Essen und Miete aufzutreiben. Charlie bekam davon größtenteils nichts mit, da sie weiterhin zur Schule ging und ihre Mutter versuchte, die Not vor ihrer Tochter zu verstecken. Eine Weile ging das auch gut, doch Judith zerbrach an der Last der Verantwortung und fing schließlich an, Tabletten zu nehmen. Bald wurde sie abhängig und gab alles Geld, das sie sich hart erarbeitete, für ihre Drogen aus. Wenn sie nicht genug bekam, fing sie an zu schreien und zu weinen wie ein kleines Kind. Natürlich konnte sie das nicht mehr vor Charlie geheim halten. Für sie war es schrecklich, die eigene Mutter so hilflos zu erleben. Doch sie beschwerte sich nicht, meldete sich von der Schule ab und begann mit 13 Jahren, selbst zu arbeiten, um ihrer Mutter die Ruhe zu bringen, nach der sie sich verzehrte und sie beide zu ernähren. Als Charlie gerade 15 Jahre alt war, sprach ein Zuhälter sie auf der Straße an und bat ihr einen Job als Prostituierte an. Da das Mädchen in Geldnot war, nahm es das Angebot sofort an und ist auch dabei geblieben. Die Bande stöberte sie eines Tages auf, als Charlie auf dem Markt Obst klaute; seitdem gehört Charlie zu ihnen und ist Straßenkind von Venedig.

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Schleicher

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★ Name Adrian Carino
★ Spitzname Schleicher
★ Alter 17 Jahre
★ Geburtstag 29. April → Stier

★ Nationalität Italienisch
★ Wohnort Venedig

★ Sexuelle Orientierung heterosexuell [Vorliebe für wohlhabende Frauen]
★ Beziehungsstatus Single

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★ Haare schwarz | dicht | hängen ihm in die Augen
★ Augen dunkelgrau
★ Statur schlank | leicht muskulös | kein Sixpack
★ Größe & Gewicht 1.82 |
★ Stil unauffällig | verwaschen
★ Besondere Merkmale schwarze Uhr mit weißen Ziffern und Zeigern am Handgelenk

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★ Mutter Nanett Carino
★ Vater Pablo Carino

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★ Charakter schweigsam | mysteriös | schlagfertig | intelligent | lernfähig | unauffällig | talentiert | wandlungsfähig
★ Vorlieben fremdländisches Essen | Theatervorstellung | sich anschleichen | Kulturen | reiche Mädchen | flirten | Zweideutigkeit | Architektur | Spaziergänge
★ Abneigungen Neugierde | stehlen | Spießer | Dummheit
★ Macken Gelegenheitsraucher | Arroganz | verschwindet und taucht wieder auf wann er will, ohne dass jemand weiß, wo er war
★ Geheime Wünsche Charlie von der Straße wegbekommen und sie ganz für sich alleine haben

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Es stellte sich schon früh heraus, dass Adrian eine schnelle Auffassungsgabe und ein unglaubliches Talent für das Lernen von Straßen besitzt. Seine Eltern wollten ihn auf eine Schule für Hochbegabte schicken, doch Adrian weigerte sich strikt, weshalb sie mehrere Privatlehrer engagierten. Schleichers Eltern sind relativ wohlhabende Besitzer eines Theaters. Sein Vater macht Geld mit Aktiengeschäften und kann damit seine Vorliebe für Kunst und Kultur finanzieren sowie mit seiner Frau teilen. Hin und wieder veranstalten sie Shows oder verwenden den Theatersaal als Kino, doch die meiste Zeit über steht dieser leer. 
Adrian hasst das Leben als Wunderkind, auch wenn er es liebt, immer neue Sprache zu lernen. Das Theater war immer sein Rückzugsort - als die Bande eines Tages dort einbrach, verscheuchte er sie und erklärte, dass dies sein Revier wäre. Zunächst wollte er sie alle anzeigen, doch dann bemerkte Adrian, dass allesamt in seinem Alter waren. Er entschied sich um und gab vor, ebenfalls ein Straßenkind zu sein und in diesem Theater zu wohnen. Er verpflegt die Bande seitdem mit allerlei Utensilien, die er im Theater mitgehen lässt. Er gibt vor, diese gestohlen zu haben, aber in Wahrheit legt er alles hinterher wieder zurück. Er stiehlt nie. Die Bande ist für Schleicher ein Ort, an dem er aus dem Gefängnis eines Wunderkindes ausbrechen kann. Er führt quasi zwei Leben.

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 Curly

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☆ Name Juliette Copperman
☆ Spitzname Curly
☆ Alter 15 Jahre
☆ Geburtstag 31. März → Widder

☆ Nationalität Italienisch
☆ Wohnort Venedig; Italien
☆ Beruf übernimmt Ablenkungsmanöver und das Knacken von Schlössern

☆ Sexuelle Orientierung heterosexuell
☆ Beziehungsstatus Single


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☆ Haare rotblonde Locken
☆ Augen grüngrau
☆ Statur zierlich | wirkt jung, zart und zerbrechlich | kaum Oberweite
☆ Größe & Gewicht 1.62 |
☆ Stil niedlich | mädchenhaft
☆ Besondere Merkmale Sommersprossen auf Wangen und Schultern | kaum sichtbare Narbe an der rechten Schläfe [bei einer Mutprobe zugezogen]

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☆ Mutter Mary-Liss
☆ Vater unbekannt
☆ Halbbruder Ben 
☆ weitere unbekannte Halbgeschwister

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☆ Charakter fröhlich | aufgeweckt | albern | stur | willensstark | motivierend | naiv | optimistisch | geschickt | offen
☆ Vorlieben Süßigkeiten | Musik | Schlösser knacken | Auto/Moped fahren | Blumen | Kleider und Röcke | Eulen | Herausforderungen
☆ Abneigungen Gemeinheiten | geärgert werden | Unvertrauen | Make-Up | Zuhälter | Mutproben [weil sie nie ablehnen kann]
☆ Macken leicht zu provozieren | aufgedreht | kann keine Musik hören ohne zu tanzen und zu singen | lehnt keine Herausforderung ab
☆ Geheime Wünsche in der Bande den Platz ihres Bruders einzunehmen und diesen stolz zu machen    
  
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Juliettes Mutter war Prostituierte und hat sie und ihren älteren Halbbruder auf die Straße gesetzt. Dieser hat sich immer sehr liebevoll um sie gekümmert und wollte nie, dass Juliette ebenfalls der Bande betritt. Die beiden haben den Nachnamen eines reichen amerikanischen Geschäftsmannes angenommen, dessen Pass sie bei einem Einbruch gefunden hatten. Ihr Bruder meinte damals, dass sie irgendwann genauso reich würden wie dieser Copperman. 
Früher war Juliettes Bruder Schlösserknacker und Autodieb, doch seit er mit 18 Jahren von einem Wachmann erschossen wurde, hat Juliette seine Stelle übernommen und versucht alles, um ihn würdig zu vertreten. Ihr Bruder war immer so etwas wie der "Bandenvater", der auf alle aufgepasst hat, immerhin war er auch der Älteste.
Juliettes Spitzname lautet "Curly", da sich ihre Haare immer sofort locken, wenn sie nass werden - was beinahe täglich passiert. Wenn sie trocken sind, bleiben ihre Haare nahezu glatt und ein wenig gewellt. Anfangs hat sich Curly über diese Besonderheit geärgert, doch inzwischen ist es ihr Markenzeichen. 


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  Davide

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★ Name Davide Ferrero  
★ Alter 17 Jahre
★ Geburtstag 28. September → Waage

★ Nationalität Italienisch
★ Wohnort Venedig; Italien
★ Beruf der Einzige mit Führerschein; kennt sich bestens in Venedig aus und findet immer neue Schlüpflöcher für die Bande; kann perfekt schauspielern und klaut viel, weil er schnell rennen kann

★ Sexuelle Orientierung bisexuell
★ Beziehungsstatus Single


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★ Haare braun
★ Augen blau
★ Statur  klein | schlaksig | nicht sonderlich stark
★ Größe & Gewicht 1.76 | 59
★ Stil lässig | unauffällig
★ Besondere Merkmale viele Narben

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★ Mutter Gwendolyne Ferrero
★ Vater Julio Ferrero †

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★ Charakter humorvoll | jähzornig | emotional | beschützerisch | besitzergreifend | ängstlich | vorsichtig | tut immer cool
★ Vorlieben Curlys Locken | Charlies Körper | seine neue Familie | Autos | Heidelbeeren | Wettrennen
★ Abneigungen Erinnerungen an die Vergangenheit | seine eigene Ängstlichkeit | Gefahr | Dunkelheit
★ Macken Spinnenphobie | Zigaretten
★ Geheime Wünsche seine Mutter wieder zu finden
   
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Die ersten 16 Jahre seines Lebens waren für Davide schlicht und ergreifend perfekt. Obwohl sie nicht viel Geld besaßen, waren er und seine Eltern glücklich mit dem was sie hatten. Davide konnte zur Schule gehen und war dort aufgrund seines Humors und seinem Talent fürs Fußball sehr beliebt. Er war glücklich. Seine Eltern liebten ihn und er liebte sie - Streit war ein Ausnahmezustand.
Dieses glückliche Leben zerbrach jedoch, als sein Vater Julio Selbstmord beging. Es stellte sich heraus, dass er gefeuert worden war und die Familie nun bankrott war. In der Nacht nach Julios Selbstmord verschwand Davids Mutter spurlos und plötzlich war da niemand, der sich für Davide interessierte. Die Polizei war weg, seine Mutter ebenfalls, und keiner interessierte sich für diesen kleinen weinenden Jungen, der durch die Straßen Venedigs wanderte.
Die Bande fand ihn erst vor wenigen Monaten und seitdem gehört er dazu. Er ist froh darüber, eine neue Familie gefunden zu haben und hat sich sehr schnell in sein neues Leben eingefunden, doch trotzdem denkt er noch oft an seine Mutter und hofft, sie eines Tages wiederzufinden; deshalb verbringt er die Tage meistens damit, durch ganz Venedig zu stromern.


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CHARLOTTE.
Das Klappern meiner hohen Stilettos wirkte in dem wie tot daliegenden, schmalen Flur wie ein Donnerschlag nach dem anderen. Stumm zählte ich meine Schritte und widerstand dem Drang, mich immer wieder nach meinem neusten Kunden umzusehen, der sich knapp hinter mir befand. Am liebsten hätte ich die Beine in die Hand genommen und den restlichen Weg zur Hintertür im Spurt zurückgelegt, doch die Tatsachen, dass ich nicht gerade geeignete Schuhe trug und außerdem noch keine Bezahlung erhalten hatte, hielten mich zurück. Stattdessen konzentrierte ich mich auf meine Atmung - ein und aus - bis ich endlich meine Hand ausstrecken und die kühle Türklinke nach unten drücken konnte. Im nächsten Moment hatte ich es mir anders überlegt und wollte am liebsten wieder zurück in das Zimmer mit dem warmen Kamin und dem flauschigen Teppich, aus dem ich gerade gekommen war. Aber der massige Körper des alten Mannes versperrte mir den Weg und der Gedanke daran, was es bedeuten würde, noch einmal zurückzugehen, ebenfalls. Fröstelnd zog ich meinen schwarzen Mantel enger um mich und warf einen finsteren Blick nach draußen in die überraschend kalte und regnerische Septembernacht, die mich nun erwartete. Dann straffte ich meinen Körper, drehte mich auf der Türschwelle um und streckte abwartend die Hand aus, um meine Bezahlung entgegenzunehmen. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis der Alte in der Tasche seiner teuren Jeans kramte und dann einige Geldscheine hervor beförderte. Ohne sie noch einmal zu zählen, drückte er mir diese in die Hand und schlug dann die Tür vor meiner Nase zu. Schnell trat ich einen Schritt zurück, um nicht von eben dieser erwischt zu werden. Dieses reiche Pack, das einen zuerst willig aufstöberte und dann schnell wieder rauswarf. Wenigstens bezahlten sie gut.

Mit einem erschöpften Lächeln im Gesicht schloss ich meine Faust um die reichlich bemessene Bezahlung und setzte dann langsam einen Schritt vor den anderen. Eigentlich hätte ich schneller gehen sollen, denn ich befand mich auf einer für hübsche Mädchen gefährlichen Straße. Aber mein Körper brannte und die unbequemen Schuhe zwangen mich praktisch dazu, eine niedrigere Gangart zu wählen. Wenigstens regnete es, sodass das Klappern meiner Stilettos nicht zu sehr auffiel und ich so nicht mehr Blicke als notwendig auf mich zog. Mit gesenktem Kopf eilte ich so schnell wie möglich die dunkle Gasse entlang und hob diesen erst wieder, als ich die mit Laternen versetzte Hauptstraße erreichte, auf der es wesentlich sicherer war. Erleichtert vergrub ich meine kalten Hände in den Taschen meines Mantels und wurde etwas langsamer. Ich hatte keine Lust, umzuknicken und dann in einer Pfütze zu landen - es war schon kalt und feucht genug und meine dünnen Klamotten boten mir nicht viel Schutz vor dem Wetter. Trotzdem lächelte ich weiterhin zufrieden und lockerte die Faust um die Geldscheine nicht. Vielleicht blieb etwas davon übrig, womit ich mir eine Cola kaufen konnte oder mein Lieblingsessen beim Chinesen. Oder ein bisschen Schokolade, wie lange nur hatte ich keine mehr gegessen? Viel zu lange war es schon her.

Ich achtete nicht auf den Weg, den meine Füße einschlugen, während ich darüber nachdachte, was ich mit dem überschüssigen Geld anfangen konnte. Ich wusste genau, wo ich hinwollte und es dauerte nur wenige Minuten, bis ich das große Gebäude in einer Seitengasse erreicht hatte. Schnell sah ich mich um und schlüpfte dann, als ich niemanden entdeckte, durch eine kleine Hintertür hinein. Wenn irgendjemand mich beobachtete und das Versteck entdecken würde, würden wir verscheucht werden und das wollte ich nicht. Schon lange war es her, dass wir so ein gutes Versteck gehabt hatten - ich und die Bande, der ich mich angeschlossen hatte. Und wir hatten es uns verdient.

Ohne lange suchen zu müssen fand ich die schmale Treppe ins Kellergeschoß und bewegte mich dort sicher durch das Labyrinth der Lagerräume, bis ich nach zehn Minuten endlich zu unserem Hauptversteck gelangt war. Vorsichtig öffnete ich die knarzende Tür. Auch hier war es stockdunkel, was bedeutete, dass sich niemand hier befand. Seufzend widerstand ich der Versuchung, mit meinem Feuerzeug etwas Licht zu schaffen und bahnte mir meinen Weg in die hinterste Ecke des Raumes, die ich für mich beansprucht hatte. Die anderen befanden sich offenbar noch auf einem Beutezug oder waren geschnappt worden. Wie immer wurde mir bang bei letzterem Gedanken, doch ich schüttelte ihn schnell ab. Davide passte schließlich auf die kleine Curly auf und Schleicher war viel zu geschickt als dass ihn jemand erwischen konnte. Nicht wahr?

Erleichtert, endlich hier zu sein, schlüpfte ich aus meinem triefenden Mantel und hängte ihn zum Trocknen an einen Nagel, der noch in der Wand steckte. Dann ließ ich mich auf das Kissen fallen, das ich von Zuhause mitgebracht hatte und schlang die dünne, mit Löchern versehene Decke um mich. Zuhause - morgen würde ich dort wieder aufkreuzen und meiner Mutter das Geld geben. Sie würde mich dankend anlächeln und mir vielleicht sogar eine kleine Umarmung schenken und ich würde mich wie ein kleines Kind darin fallen lassen können. Was waren schon Essen oder Cola gegen so ein Zeichen der Liebe?


Curly
Ich hatte ja darauf bestanden, das Moped zu klauen anstatt das Auto, jetzt musste ich also den Preis dafür zahlen. Davide hatte mich gewarnt, dass es regnen würde. "Es ist schließlich Venedig", hatte er gesagt. Aber das sagte er jeden Tag und nahezu jeden Tag hatte er recht. Zu dieser Jahreszeit vergingen kaum zwei Tage ohne Regen. Ich gab mehr Gas, um der kalten Nässe zu entkommen - vergebens. Ich merkte bereits, wie sich meine Haare aufbauschten und die flauschige Masse an meinen Wangen kitzelte. Einen Luxus wie Motorradhelme konnten wir uns natürlich nicht leisten. Davide hinter mir kicherte und ich ahnte das "Ich hab's dir ja gesagt" noch bevor es seinen Mund verlassen hatte. Ich verdrehte die Augen und fuhr noch schneller. Davides Griff wurde merklich fester. Die Nässe brachte das Moped zum Rutschen. "Hey, hey! Langsam, Curly! Wir werden sowieso nass." Ich hörte nicht auf ihn. "Wie sieht's mit dem Rucksack aus?", rief ich nach hinten. "Da ist nichts drin, was nass werden könnte", entgegnete er. 
Gut, dachte ich bei mir. Das hieß also, er hatte Konserven dabei, oder zumindest irgendetwas, das in Plastikverpackungen eingeschweißt war. Zeug, das lange hielt, konnten wir gut gebrauchen. Zwar war es für keinen von uns ein Problem, den ein oder anderen Apfel beim Markt mitgehen zu lassen, doch war es um einiges einfacher etwas zu stehlen, von dem wir gleich ein paar Tage lang leben konnten. Manchmal, wenn wir etwas von langer Hand planten, dann waren unsere Raubzüge so groß, dass wir alle eine ganze Woche davon essen konnten. Aber das war selten geworden. Seit Ben ... fort war, gingen wir kaum noch auf große Raubzüge.
Zu gefährlich.
Das Moped geriet ins Stocken. Ich versuchte mehr Gas zu geben, doch stattdessen setzte der Motor immer wieder aus. Bitte nicht! Schließlich erstarb er ganz und ich geriet ins Schlingern, als ich versuchte uns zu stoppen. Der Regen machte es nicht gerade besser und so konnte ich nicht verhindern, dass wir in einer Kurve umkippten. Es machte einen Höllenlärm, als die Maschine auf den Asphalt krachte und Plastikteile des zerbrochenen Seitenspiegels flogen in verschiedene Richtungen. "Verdammt, Curly!", fuhr mich Davide an, der mich gerade noch rechtzeitig zurück gezogen hatte, bevor das Moped auf mein Bein fallen konnte. 
Ich spürte, wie kalte Nässe sich durch meine dünne Strickjacke fraß und erst als ich mich aufrappeln wollte, um ihr zu entkommen bemerkte ich, dass er mich immer noch festhielt. "Lass mich los, Davide!", herrschte ich ihn an und sofort lockerte sich sein Griff um mich. Ich sprang auf und sah mir die Pfütze an, in der wir und die Maschine gelandet waren. Neben mir rappelte sich Davide ebenfalls auf. "Na klasse!", maulte er vorwurfsvoll und dann schalt er: "Lass uns hier abhauen, bevor noch irgendwer aus dem Fenster sieht." Und schon waren wir weg. 
Als wir eine halbwegs abgelegene Gasse erreicht hatten, die nicht bereits von irgendwelchen Junkies, Nutten oder Schlägern besetzt war, hielt mich Davide am Ärmel fest. "Halt mal", wies er mich an. Ich verdrehte die Augen. "Was ist de...?" Doch er packte mich an beiden Schultern und hielt mich auf Armlänge von sich, um mich anzusehen. Sein Blick war unangenehm eindringlich, als er meinen traf. "Alles okay bei dir? Hast du dich verletzt?", fragte er. Ich schüttelte ihn ab. "Nein, schon gut. Ich bin nur dreckig und nass, also lass uns schnell nach Hause. Ich muss aus den Sachen raus", entgegnete ich barsch. Ich hasste es, wenn er so auf fürsorglich machte. Ich konnte sehr gut auf mich selbst aufpassen. 
Es dauerte einen Moment, bis die Schritte hinter mir wieder einsetzten, doch mit seinen großen Schritten hatte er mich schnell und mühelos wieder eingeholt. "Wollen wir uns nicht erstmal irgendwo unterstellen?", fragte er. Ich schüttelte nur den Kopf, ohne zu ihm hinüber zu sehen, während ich schnurstracks Richtung Hauptquartier lief. "Aber es ist kalt. Du erkältest dich noch", versuchte Davide neben mir mich zu überzeugen. Ich blieb wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen und er kam zwei Schritte nach mir ebenfalls zum Stehen und blickte sich verdutzt nach mir um. "Hör auf damit!", keifte ich. Er tat scheinheilig. "Womit soll ich denn...?" Ich unterbrach ihn. "WIE OFT SOLL ICH DIR EIGENTLICH NOCH SAGEN, DASS DU AUFHÖREN SOLLST, DICH WIE MEIN BRUDER AUF ZU FÜHREN?!" Ich gab ein entnervtes Geräusch von mir und rannte schon an ihm vorbei, nicht ohne ihn dabei anzurempeln, was, um ehrlich zu sein, eher meiner Schulter schadete als seiner. Er kam mir nach. "Hey, hey! Jetzt warte noch mal!" Er verfiel in leichtes Joggen und legte wieder seine große Hand auf meine zierliche Schulter, um mich auf zu halten. Ich schlug sie fort. "Lass mich!" Ich wollte einfach nur zurück nach Hause.


DAVIDE.

Seufzend folgte ich der im Regen verschwindenen zierlichen Mädchengestalt und verschränkte die Arme vor meiner Brust, um mich wenigstens ein bisschen vor der Nässe und Kälte zu schützen, die auf mich niederprasselte. In meinem alten Leben wäre ich nie von einem Mädchen im Regen stehen gelassen worden - bei so einem Wetter hätte ich vermutlich keinen Fuß vor die Tür gesetzt! Und ich wäre nie auf einem Motorrad unterwegs gewesen, denn damals hatte ich Autos bevorzugt, vor allem das meines Vaters, das immer ein bisschen nach Meer und Freiheit gerochen hatte. Aber mein Vater war tot, das Auto vermutlich verpfändet worden und mein altes Leben existierte nicht mehr, ebensowenig wie mein Traum von Freiheit. Stattdessen befand ich mich mit einer nicht gerade wetterresistenten Jacke mitten in einer Seitengasse im strömenden Regen und jagte einem Mädchen nach, das ich erst seit ein paar Monaten kannte.
Erleichtert schlüpfte ich in den Kellereingang zu unserem Hauptversteck und blieb dort kurz stehen, um meine Jacke auszuwringen und mich nach Curly umzuschauen. Die hatte allerdings keineswegs Halt gemacht und befand sich vermutlich schon längst in dem Lagerraum, den die Bande für sich beansprucht hatte. Mit einem leisen Seufzen setzte ich mich wieder in Bewegung und bewegte mich langsam im Stockdunkeln die Treppe hinunter und dort die langen Gänge entlang. Die Bande hatte mich erst vor wenigen Monaten aufgenommen, weswegen ich mich noch nicht so gut auskannte und den Weg in das Versteck noch nicht so ganz sicher kannte, obwohl ich jedes Mal irgendwie hinfand. Bald würden wir uns ein neues Versteck suchen müssen, denn es war nie gut, zu lange an einem Ort zu verweilen, und es schauderte mich bei dem Gedanken, dieses halbwegs gemütliche Heim wieder verlassen zu müssen. Es war besser als die Straße, die für mich eine Weile ein Zuhause gewesen war.

Fluchend blieb ich stehen und rieb mir die Stirn. Wie immer war ich gegen ein Heizungsrohr geknallt und wandte mich nun nach rechts, um schimpfend weiterzulaufen. Es wäre wirklich ein Vorteil, in diesem dunklen Gang ein Feuerzeug zu besitzen, aber Charlie war die einzige, die eines hatte und gab es nur ungern aus der Hand. Deswegen war ich auch ein bisschen auf sie angewiesen, weil ich wie sie Raucher war - auch wenn ich es vor Curly vermied.

Curly. Wieder stieg in mir die Erinnerung an die eben stattgefundene Szene herauf und ich schüttelte müde den Kopf. Natürlich verstand ich ihre Wut auf mich und dass sie sehr erbost über mich und meinen Beschützerinstinkt war. Aber ich konnte nichts dafür! Ihr kleiner Körper und ihr unschuldiger Blick eines Kindes brachten ihn mir diesen Instinkt einfach ein ums andere Mal hervor und ich konnte einfach nicht anders als mich um sie zu sorgen. Mir war klar, dass sie das nervte und vor allem an ihren verstorbenen Bruder erinnerte, aber ich konnte mich gegen diesen Instinkt nicht wehren. Alleine bei dem Gedanken, dass sie schon so lange Straßenkind war, lief mir ein Schauer über den Rücken. Diese arme kleine Mädchen hatte das nicht verdient. Wenigstens hatte sie andere Wege als Charlie gefunden, sich durch dieses Leben zu schlagen. Charlie nach ihrer Arbeit zu sehen war nämlich alles andere als schön, auch wenn sie immer meinte, dass es gar nicht so schlimm sei.

Langsam öffnete ich die knarzende Tür zu unserem Lagerraum und blinzelte in das Licht der angezündeten Laterne, die in der Mitte des Zimmers auf dem Boden stand. Ohne Curly oder Charlie eines Blickes zu würdigen, stapfte ich zu meinem Platz und ließ mich dort nieder. In meinem alten Leben hätte ich mir jetzt eine warme Dusche gegönnt und wäre dann in meinen heißgeliebten Power-Rangers-Schlafanzug geschlüpft, aber das war leider nicht mehr möglich. Schnell vertrieb ich den sehnsüchtigen Gedanken daran aus meinem Kopf und schlüpfte aus meiner Oberbekleidung, bis ich nur noch in Boxershorts und einem dünnen Shirt dasaß. Die anderen immer noch ignorierend rubbelte ich mich mit einem Handtuch trocken und legte dieses sowie meine nassen Sachen zum Trocknen auf den Boden. Nicht, dass das viel nützte, aber es ging halt nicht anders.

Erst, als ich mich in meine dünne Decke gewickelt und meinen Kopf gegen die kalte Steinmauer gelehnt hatte, wagte ich es, den beiden Mädchen der Bande einen Blick zuzuwerfen. Curly schien immer noch sauer auf mich zu sein, denn sie wandte schnell den Kopf ab, als mein Blick auf sie fiel. Wenigstens hatte sie ebenfalls ihre nassen Klamotten ausgezogen und würde sich so nicht erkälten. Charlie saß, wie eigentlich immer, mit unergründlichem Gesichtsausdruck auf ihrem Platz. Aber trotz der Entfernung konnte ich das Zittern erkennen, ein Zeichen dafür, wie sehr ihr Körper schmerzte. Sie tat mir leid, wie alle anderen in dieser Bande. Kaum zu glauben, dass ich jetzt dazugehörte - dass die anderen mich wahrscheinlich genauso bemitleideten. Der Gedanke ließ mich erschaudern. Ich war ein Straßenkind Venedigs geworden.


Schleicher
Ich warf einen Blick nach draußen. Es regnete. Natürlich tat es das. Es entfuhr mir ein kleines Seufzen, dann klaubte ich meine Regenjacke aus dem Schrank. Es war eine teure Markenregenjacke und ich würde mir auf dem Weg zum Hauptquartier noch etwas einfallen lassen, wie ich an sie heran gekommen war. Vielleicht würde ich sagen, ihr Besitzer war ein Gast eines Theaterstückes gewesen, welches vor ein paar Tagen gespielt worden war und er hatte sie liegen lassen, als es zu Ende war. Der Junge kam noch einmal zurück, doch da war sie natürlich schon weg. Ja, das war eine sehr gute Idee. Viele Besucher ließen Taschen und Jacken, Mützen oder Handschuhe zurück, wenn sie den Saal verließen, nur um Minuten später ihr Verschwinden zu bemerken und zurückzukehren. Natürlich würde ich niemals etwas davon mitgehen lassen. Viel eher lief ich den Herren nach, um sie auf den Verlust ihrer Gegenstände aufmerksam zu machen. Manchmal bekam ich dafür sogar den einen oder anderen Penny. Ich schlich leise und unbemerkt wie ein Schatten durch den Flur, öffnete behutsam die schwere Eisentür und lief den vertrauten Gang entlang Richtung Theatersaal. War die Tür einmal hinter mir geschlossen, brauchte ich mir keine Sorgen mehr zu machen, von meinen Eltern bemerkt zu werden. Der Saal sowie alle Gänge und der Eingangsbereich waren nur beleuchtet vom schummrigen Grün der Notausgangsschilder, doch ich kannte den Weg so gut, dass ich nicht einmal darauf achten musste, wo ich hintrat. Ich zog mir die dunkelgraue Kapuze weit über den Kopf und steckte die linke Hand tief in die Tasche, bevor ich mit der rechten die Tür aufschloss und hinaus in die Abendkälte trat. 
In diesem Moment, indem die Menschen tief und fest in ihren Betten schliefen und sich für den kommenden Tag ausruhten, da fing mein Leben erst richtig an. Die Tür hinter mir wieder abzuschließen und die Schlüssel in meinen Rücksack gleiten zu lassen waren ein und dieselbe Bewegung. Schon gesellte sich die rechte Hand ebenfalls in die Jackentasche und ich machte mich schnellen Schrittes auf den Weg zu dem Ort, an dem ich schon erwartet wurde. Ich mied die Straßenlaternen, auch wenn mir das Licht lieber gewesen wäre. Nachts waren noch viel schlimmere Gestalten als Diebe und Huren auf den Straßen unterwegs und ich war mir dessen - und der Tatsache des Klappmessers in meiner Hosentasche - mehr als bewusst.
Ich ballte die Hände in den Taschen zu Fäusten, während ich beobachtete wie die Regentropfen von meiner Jacke abperlten und meine Schritte Wellen in den Pfützen schlugen. Die kühle Nässe durchfraß bereits meine dicke Jeans, doch das war mir ganz gleich mit dem Gedanken im Hinterkopf, wie durchnässt die anderen sein mussten: Curly in ihren dünnen mädchenhaften Blusen und Charlie in ihrem ... Berufsoutfit. Ich konnte nicht verhindern, was der Gedanke an Charlie mit vor Nässe am Leib klebenden Klamotten bei mir auslöste. Ich hatte eine Decke im Rucksack, eine warme dicke aus Wolle. Ich würde sie den Mädchen überlassen und mir selbst eine dünne aussuchen. Am Morgen würde ich sie wieder mit nach Hause nehmen und sie waschen lassen, Hauptsache, die Mädchen mussten heute Nacht nicht frieren.
Ich bog in die letzte Straße ein und konnte das alte Fabrikgebäude schon sehen. Geschickt kletterte ich durch eines der eingeschlagenen Kellerfenster und lief die stockfinsteren Gänge entlang, rechts, links, rechts und noch mal rechts und dann die Treppe hinunter. Als ich die Tür öffnete, konnte ich eine kleine flackernde Laterne in der Mitte des quadratischen Raumes ausmachen. Jeder hatte sich bereits in eine Ecke gekauert. Ich ließ ein unangemessenes Grinsen sehen und ließ meinen Rucksack auf den Boden fallen, sodass es von den Wänden widerhallte. Ich ging in die Hocke und öffnete den Reißverschluss. "So, Ladies!", höhnte ich und zog eine Tüte Gummibärchen aus der Tasche hervor, die ich Curly zuwarf, deren Haare hoffnungslos voluminös in alle Richtungen abstanden, gefolgt von einer Tafel Schokolade, die auf Charlies Rechnung ging. Für Davide und mich hatte ich Honig-Müsliriegel in petto und zuletzt zog ich die Wolldecke hervor, die den Großteil des Rucksackes eingenommen hatte. Ich stand auf und zog Charlie, die sich bereits über ihre Schokolade hermachte, die Decke fort und tauschte sie aus, nicht ohne vorher einen langen ausgiebigen Blick in ihr Dekollete zu werfen. Ich zwinkerte Curly zu und zeigte ihr mit einer Handbewegung, dass sie ebenfalls heran rutschen sollte. Sie tat es sofort und ich verzog den Mund, als ich bemerkte, wie sie in dem kurzen Moment, in dem sie nicht von einer Decke umwickelt war, zitterte. Ich schmiss die dünnen Decken in eine Ecke. Sie waren schon zu nass als dass sie irgendjemanden hätten wärmen können. "Also?", fragte ich und hob eine Augenbraue, während ich mich in meine Ecke des Raumes setzte. "Was gibt's Neues?"


CHARLOTTE.

Während die anderen langsam einer nach dem anderen in das Versteck eintrudelten und sich um ihren eigenen Kram kümmerten, vergrub ich mich tief in meiner dünnen löchrigen Decke und versuchte, so wenig Bewegungen wie nur möglich zu machen. Es war wirklich kalt und ohne das Kissen, auf dem ich saß, wäre mein Hintern wahrscheinlich auf dem nackten Steinboden festgefroren. Ich versuchte, den Gedanken an den nahenden Winter zu verdrängen oder daran, dass meine Mutter wahrscheinlich gerade ohne irgendwelche Sorgen und völlig zugedröhnt in einem warmen Bett lag. Stattdessen holte ich mein altes "I ♥ Venedig"-Feuerzeug heraus und zündete mir eine Zigarette an. Während ich Zug um Zug nahm und meine kleine Sucht genoss, war ich mir Davides teils gierigem und teils ziemlich tadelnden Blick bewusst. Er mochte es nicht, wenn ich in geschlossenen Räumen und dann auch noch vor der kleinen Curly rauchte, aber gleichzeitig sehnte er sich wahrscheinlich danach und hätte mir  am liebsten die Kippe aus der Hand gerissen. Nicht, dass er vor Curly je um eine Zigarette betteln würde. Dieser Idiot versuchte selbst als Straßenkind noch, seinen Stolz zu bewahren.
Kopfschüttelnd rauchte ich die Zigarette auf und drückte den Stummel dann auf dem Boden aus. Als ich den kalten Stein berührte, durchfuhr mich ein Zittern und Schaudern und ich vergrub mich noch tiefer in der Decke, die nicht sonderlich viel Wärme spendete. Dass ich nur eine dünne Strumpfhose, einen Minirock und ein Oberteil trug, das mehr Haut zeigte als es verdeckte, machte die Sache nicht besser. Ein Nachteil meines Jobs. Aber man musste lernen, damit umzugehen und auch mal hungern, um sich Sachen leisten zu können, die den Kunden gefielen. Glücklicherweise hatte ich die Bande, die nicht knauserte und ihr Essen gerne mit mir teilte, wenn ich mal wieder wegen meiner Mutter oder meinen Einkäufen völlig pleite und am Rande des Zusammenklappens war. Apropos Essen - ich sah mich erwartungsvoll um und just in dem Moment betrat Schleicher mit einem Grinsen den Raum. Sofort richtete ich mich gespannt auf, denn er brachte immer die besten [und manchmal auch verschwenderischsten] Sachen mit. Kurz fragte ich mich, woher er diese total coole und sicher warm haltende Regenjacke herhatte, aber dann war der junge Mann mir Oreo-Milka zu und ich hätte ihn am liebsten von oben bis unten abgeküsst.

Ohne mich lange mit Dankesworten aufzuhalten, riss ich die lila Packung auf und machte mich über meine Lieblingsschokolade her. Ich bemerkte nicht einmal, dass Schleicher näherkam und sah erst auf, als er mir die dünne Decke wegriss. Aber bevor ich ihm einen wütenden Blick zuwerfen konnte, würde ich in etwas Warmes, Wolliges gehüllt, dass meine Laune sofort um ein Vielfaches steigerte. Mit strahlenden Augen vergrub ich meine immer noch klammen Hände in der Wolle und konnte praktisch fühlen, wie die gespeicherte Wärme mir in die Poren, Nerven und Adern floss, bis ich mich fühlte wie aufgetaut. Das hier war wirklich etwas Besonderes - eine neue Decke und auch noch Oreo-Schokolade, das gab es nicht alles Tage. Gemütlich lehnte ich mich an die Steinwand und aß weiterhin die Schokolade, während ich die Wärme genoß, die mich immer noch durchfloss.

Auf Schleichers Frage hin zuckte ich mit den Schultern und griff nach meiner Wasserflasche, die ich immer in meinem Versteck aufbewahrte. Es war natürlich schmutziger Wasser aus dem nahe gelegenen Fluss, aber besser als gar nichts. Ich nahm einen tiefen Schluck und musterte nebenbei Schleichers Regenjacke. "Bei dir scheint es ja was Neues zu geben, Schleicher. Eine Decke, Schokolade und eine extrem teure Regenjacke... Hast du heute ein Kaufhaus ausgeraubt? Fehlt nur noch das Geld aus der Kasse." Ich hob eine Augenbraue. Natürlich war es sarkastisch gemeint, aber ich hatte wohl im Laufe der Jahre verlernt, mich zu bedanken. Ich war Schleicher natürlich sehr dankar dafür, dass er uns all die Sachen brachte, aber manchmal fragte ich mich doch, woher er das dauernd hatte. Er hatte so viel mehr Erfolg als wir anderen und wir wussten nie, wo er sich den ganzen Tag herumtrieb. Bei uns anderen war es irgendwie klar; ich ging meinem Beruf nach und Curly und Davide streiften meistens gemeinsam durch die Gegend, um passende Momente fürs Klauen abzupassen. Aber Schleicher? Er gab meist nur wage Antworten. Irgendwie machte ihn das interessant, nicht, dass ich das zugegeben hätte. Stattdessen beugte ich mich vor und zupfte fast schon sehnsüchtig an dem Ärmel der dicken Jacke. Sie war noch kalt und klamm vom Regen, aber so dick und wärmend - am liebsten hätte ich Schleicher angesprungen und sie ihm ausgezogen, aber natürlich tat ich das nicht. Irgendwo tief in mir drin war ich doch noch eine Dame.
Curly
Eng schmiegte ich mich an die Decke. Es behagte mir ganz und gar nicht, so dicht neben der rauchenden Charlie zu sitzen. Der Gestank war kaum zu ertragen, aber ich nahm ihn in Kauf, da ich im Gegenzug kuschelige Wärme hatte. Schon begannen meine Zähne weniger zu klappern. Ich fragte mich nicht mehr, woher Schleicher dieses ganze Zeug nahm, auch nicht, woher er immer kam, wenn er mal wieder quasi aus dem Nichts bei uns auftauchte. Als meine Hände aufgetaut und nicht mehr zittrig waren, öffnete ich die Gummibärchentüte. Ich schüttete den Inhalt in meine Handfläche und begann sie zu sortieren - nach Farben. Zuerst aß ich die gelben, denn die mochte ich am wenigsten. Während ich ausgiebig auf dem ersten herumkaute, beobachtete ich wie Charlie Schleichers Jacke bestaunte. Ich erkannte die gelbe Tatze darauf wieder und wusste, dass sie weit über 100, vielleicht sogar über 200 Euro wert war. Doch es war nicht der Preis der Jacke - oder wenn doch dann nur nebensächlich - der Charlie zum Wundern brachte. Nein, die Jacke war warm und wasserabweisend und für jemanden wie uns Gold wert. 
"Nix da, Süße", neckte Schleicher, der ihren Blick auch bemerkt haben musste. "Ihr habt schon die Decke, also wenn du auch noch die Jacke willst, musst du den Inhalt schon mitbuchen." Alle verzogen den Mund über seine ungünstige Wortwahl inklusive Schleicher selbst. "Ich meine, Körperwärme ist immer noch am zuverlässigsten", fügte er also noch hinzu. Das musste sich Charlie schließlich auch eingestehen und wir beide rutschten noch näher zusammen, sodass sich Schleicher an ihrer Seite unter die Decke quetschen konnte, nachdem er aus der Jacke geschlüpft war, die er nun auf Charlies Knie legte. Sie war von uns allen am dünnsten angezogen, das stimmte wohl, aber irgendwie war sie daran ja auch selbst schuld, oder? Es gab andere Wege als Frau klar zu kommen, auch wenn man auf der Straße lebte. 
So saßen wir nun alle drei beisammen unter die Decke gekuschelt und mir war so warm wie seit dem Sommer nicht mehr. Nur Davide, der in unserer Gesellschaft irgendwie noch immer 'der Neue' war, kauerte in der entgegengesetzten Ecke des Raumes, die Knie angezogen und pflügte seinen Müsliriegel auseinander. Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass er traurig aussah und obwohl er mir die meiste Zeit über ziemlich auf die Nerven ging, beschloss ich, nicht mehr sauer auf ihn zu sein. Also sagte ich seinen Namen, rufen war gar nicht nötig, dafür war der Raum definitiv zu klein. Er schaute auf. Ich klopfte auf den Platz neben mir und lächelte. "Körperwärme", sagte ich und meinte die Andeutung eines Lächelns auf seinem Gesicht zu erkennen, als er seinen Lumpen in die Ecke warf und zu mir heran rutschte. Zwar war die Decke groß, doch mussten wir nun wirklich eng zusammen rutschen, damit alle etwas davon abbekamen. Ich hatte das Gefühl, am meisten Platz einbüßen zu müssen und nicht zum ersten Mal kam mir der Gedanke, ob ich in der Vorstellung dieser Jungen wohl so klein war, dass ich in ihre Hosentasche passen würde. Selbst wenn es so war, musste ich mich wohl damit abfinden. Es war unbequem aber warm und meinen nächsten Gedanken sprach ich laut aus. "Das haben wir das letzte Mal gemacht, als Ben und Tanja noch bei uns waren." Tanja war im Gegensatz zu meinem Bruder nicht gestorben. Sie hatte uns verlassen und war spurlos verschwunden nach Bens Tod. Die beiden waren ein Paar gewesen. Es hatte so lange gedauert, bis sie endlich zusammen gekommen waren und doch hatte ihre Liebe schließlich gesiegt und Tanja hatte für Ben aufgehört ihren Körper zu verkaufen. Ich hatte sie gemocht. Tanja hatte immer alle - und vorrangig mich - zu sich heran geholt, sodass wir uns in den kältesten Nächsten gewärmt hatten und dann hatte sie angefangen, ihre Geschichten zu erzählen, von ihrer Heimat, die irgendwo bei Russland lag und davon, wie sie nach Europa geschmuggelt wurde und wie sie von dem Mann entkommen war, der sie verkaufen wollte. Von diesem Moment an hatte sie immer selbst bestimmt, wer sie haben durfte und darauf war sie stolz. Ich für meinen Teil glaubte allerdings, dass sie sich das nur einredete, denn als Straßenkind bedeutete wählerisch zu sein gleich tot zu sein. 


DAVIDE.

Ich wickelte mich in meine dünne Decke, zog die Knie an meinen zittrigen Körper und lehnte meinen Rücken gegen die kalte Wand. Auch mein Hintern fror aufgrund des Steinbodens ab, obwohl ich die Decke darunter geschoben hatte. Viel half sie eben nicht. Aber ich beschloss, mich deswegen nicht zu beschweren und beschäftigte mich stattdessen eingehend mit dem Müsliriegel, den Schleicher mir zugeworfen hatte. Früher hatte ich diese Dinger eigentlich nie gegessen, aber seit ich mit der Bande zusammenlebte, waren sie quasi ein Haupternährungsmittel geworden. Sie waren klein, leicht zu stehlen und waren noch dazu gesünder als so manch anderes Zeug. Aber da ich sie inzwischen fast jeden Tag zu mir nehmen musste, konnte ich sie fast schon nicht mehr sehen. Aber so war das Leben als Straßenkind nunmal - man konnte nicht wählerisch sein. Ich unterdrückte ein Seufzen, schüttelte den Kopf und wickelte dann langsam die glitzernde Folie ab. Obwohl ich schon seit einigen Monaten kein Zuhause mehr hatte, hatte ich mich noch nicht gewöhnt. Wahrscheinlich gewöhnte man sich nie daran, vor allem, wenn man vorher ein so schönes und bequemes Leben gehabt hatte.
Ich warf einen kurzen Blick auf die anderen, die sich inzwischen in die dicke Decke gekuschelt hatten und ein angeregtes Gespräch führten. Ich traute mich nicht, sie zu fragen, ob ich mich ebenfalls setzen konnte; immerhin war ich irgendwie so etwas wie "der Neue". Sie kannten mich noch nicht so gut, geschweige denn die Geschichte, die mich hierher geführt hatte. Eigentlich schwiegen wir alle mehr oder weniger über unsere Vergangenheit. Teils fand ich das gut, weil es schon schmerzhaft genug war, andererseits war geteiltes Leid halbes Leid. Aber was wusste ich? Ich war ja noch nicht lange dabei. Also biss ich in meinen Müsliriegel, kaute angestrengt und senkte meinen traurigen Blick gen Boden. Es wäre schön, wenigstens in dieser Gemeinschaft so etwas wie Freundschaft zu erleben; wenn es schon sonst nichts Positives mehr in meinem Leben gab. Aber ich war nunmal ängstlich und so blieb ich sitzen.

Als Curly mich zu sich rief, sah ich überrascht auf und hob eine Augenbraue. Ich hatte nicht gedacht, dass sie das tun würde, vor allem, da sie mir doch heute so eine Szene gemacht hatte. Kurz zögerte ich, aber dann warf ich meine dünne Decke ab und rutschte neben Curly unter die dicke Wolle. Sofort breitete sich wohlige Wärme in meinem Bauch aus und ich hätte am liebsten alles an mich gerissen. Tat ich natürlich nicht. Stattdessen genoss ich es einfach, irgendwie dabei zu sein und noch dazu Wärme zu bekommen und hörte Curlys Worten über Tanja und Ben zu. Ich hatte diese beiden Leute nicht gekannt, denn ich war einige Monate nach ihnen zu der Bande gestoßen. Aber Charlie hatte mir ein paar Sachen erzählt und so wusste ich ungefährt, dass die beiden sozusagen die Bandeneltern gewesen waren und Ben noch dazu Curlys Bruder. Als ich Curly kennenlernte, hätte ich nie gedacht, dass die einen verstorbenen Bruder hatte; sie wirkte nie wirklich traurig, wie man das eben erwartete. Aber als Straßenkind musste man wohl lernen, das irgendwie zu verarbeiten. Obwohl ich manchmal, wenn Curly glaubte, niemand würde sie beobachten, einen leicht melancholischen Blick an ihr bemerkte. Und Charlie schien vor allem Tanja zu vermissen. Mit Schleicher hatte ich noch nicht darüber geredet, wir waren beide nicht so die gesprächigsten Menschen dieser Welt. Genau wie jetzt, wo Curly die führende Rolle des Gesprächs übernahm. Ich beobachtete das Mädchen aus dem Augenwinkel und musste wieder einmal ein Seufzen unterdrücken. Es war so schrecklich, dass jemand wie Curly solch ein Leben führen musste. Für jeden von uns war es schrecklich. Charlie war so talentiert und selbstbewusst, sie hätte als normale Schülerin sicher bald Karriere gemacht. Curly wäre jetzt ein süßes Schulmädchen in Uniform und einem Zahnspangenlächeln und wahrscheinlich unheimlich beliebt - stattdessen saßen wir in einem dunklen Keller, Curly stahl und Charlie verkaufte ihren Körper. Und Schleicher - war halt Schleicher, ohne den wir wahrscheinlich draufgehen würden. Ich warf dem geheimnisvollen Jungen einen Blick zu und biss erneut von meinem Müsliriegel ab. Wenigstens würden wir in den nächsten Tagen nicht hungern müssen; in meinem schweren Rucksack befanden sich einige Konservendosen. Eigentlich überlebten wir ja ganz gut. Trotzdem - ich hätte so unheimlich viel darum gegeben, jetzt mit meinem Eltern am Esstisch zu sitzen und Abendbrot zu essen, während sich die beiden um das heutige Fernsehprogramm stritten.



Schleicher
Ich hörte Curlys Geschichte nicht zu. Naja, es war genau genommen nicht mal Curlys Geschichte, es war Tanjas und doch hatten wir sie damals alle so oft gehört, dass Curly sie mittlerweile erzählen konnte als wäre sie ihre eigene. Ich erinnerte mich noch daran wie viel jünger Curly gewesen war, als sie mit der Bande bei uns im Theater aufgekreuzt war. Sie hatte sich hinter Bens Rücken versteckt und sich an seinem Pulli festgeklammert, der schon ganz ausgebeult war an dieser Stelle. Wenn ich sie mir jetzt ansah schien sie äußerlich kaum gealtert. Die Gesichtszüge, weich und zart wie eh und je, nur ein paar wenige Zentimeter war sie seit dem gewachsen und doch war sie nicht mehr das Kind, das sich an den Pulli ihres großen Bruders klammerte. Nein, das war sie ganz und gar nicht, auch wenn es gerade jetzt, wo sie die Geschichte mit Hilfe wilder Gestiken und mit einem begeisterten Strahlen in den Augen, wieder danach aussah. Ich spürte es um meine Mundwinkel zucken. 
Ich war nicht die einzige Person im Raum, die Curly nicht richtig zuzuhören schien. Genau genommen war Davide der Einzige, der gebannt an ihrem Lippen hing, was verständlich war, denn er war der Einzige von uns, der die Geschichte noch nicht kannte. Ich wusste nicht so recht, was ich von diesem Jungen halten sollte und doch musste ich zugeben, dass ich erleichtert gewesen war, als er zu uns gestoßen war. Als Tanja nach Bens Tod verschwunden war, waren Curly, Charlie und ich das Letzte gewesen, was von unserer Familie noch übrig war. Ich hatte befürchtet, dass Charlie sich genau wie Tanja abkapseln würde und dann wären nur noch Curly und ich übrig geblieben. Ich wollte nicht zurück in mein altes Leben VOR der Bande und ich hätte Curly auch nicht allein lassen können. Doch genau so wenig hätte ich mich um beide Mädchen gleichermaßen kümmern können. Zugegebenermaßen hatte ich eine Zeit lang sogar mit dem Gedanken gespielt Curly bei dem Versuch etwas zu stehlen auffliegen zu lassen. Sie wäre verhaftet worden und dann hätten sich die Behörden über ihren weiteren Verblieb streiten können. Ach ja ... und Curly hätte mich auf Ewig gehasst. Auch wenn Davide noch nicht vollständig zur Familie gehörte, hatte er doch wieder etwas neues Leben in die Bande gebracht und sie davor bewahrt gänzlich auseinander zu brechen. Außerdem hatte er sein Geschick wenn es darum ging, uns alle am Leben zu halten bereits bewiesen, auch wenn mir der Gedanke nicht behagte, dass er und Curly dafür irgendwo einbrachen und Leute, wie meine Eltern beklauten. Das war einfach nicht richtig, selbst wenn sie es nicht aus Böswilligkeit taten. 
Charlies Husten riss meine Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. "Werd mir jah nicht krank!", nuschelte ich abfällig ohne dabei Curlys schier unendlichen Redefluss zu unterbrechen. Ich wusste, dass sie mich gehört hatte. Ich warf einen Blick auf den den Aschefleck am Boden, den Charlie hinterlassen haben musste als sie ihre Kippe ausgedrückt hatte und schüttelte leicht den Kopf und flüsterte weiterhin an Charlie gewandt "Es ist dämlich von dir deine Gesundheit durch sowas noch zusätzlich unnötig zu gefährden. Als ob es nicht schon reichen würde, dass du dir tagtäglich deinen süßen Apfelpopo abfrieren musst." Ich legte all meine Verachtung in die leisen Worte auch wenn ich wusste, dass es nicht fair war von Charlie zu erwarten, dass sie ihr letztes Laster ablegte, das Einzige, was sie sich noch gönnte abgesehen von Schokolade. Ich wusste, dass es schwer war von dieser Sucht los zu kommen. Auch ich befand mich immer knapp am Rand der Sucht, gerade so viel, dass ich rauchte ohne süchtig zu werden aber im Gegensatz zu allen Anderen in diesem Raum könnte ICH mir diese Sucht leisten. 
Ich war nicht mangelernährt und ich hatte auch immer ein warmes Bett, wenn ich eins brauchte. 

CHARLOTTE.

Ich schloss die Augen, als Curly mit ihren Geschichten über Ben und Tanja begann. Ich kannte sie alle und war zu müde und erschöpft, um auch nur interessiert wirken zu können. Stattdessen vergrub ich mich tiefer in der wärmenden Decke und knabberte an dem letzten Stück Schokolade. Als Kind der Straße hätte ich sie eigentlich aufheben sollen, aber ich  hatte es einfach nicht über mich gebracht. Wenn ich schon einmal so etwas Leckeres bekam, musste ich es auch sofort essen. Was brachte mir schon das Bunkern? Wenn ich morgen sterben würde, würde ich es bereuen, die Schokolade nicht sofort gegessen zu haben. Und ich hasste es, zu bereuen.
Ich spürte ein Kratzen im Hals und griff nach meiner Wasserflasche, um es zu beseitigen. Aber das Wasser war kalt und bot einen bitteren Nebengeschmack, half mir nicht dabei. Ich schluckte verärgert und  hustete schließlich auf - was Curly nicht davon abhielt, einfach weiterzuquatschen. Ein Wunder, dass Davide überhaupt noch zuhörte, aber das tat er, mit großen Augen und interessiertem Blick. Schleichter hingege hatte sich an mich gewandt und sah mich mit tadelndem Blick an. Laberte davon, dass ich besser mit dem Rauchen aufhören sollte. Und irgendetwas mit meinem süßen Apfelpopo. Ich unterdrückte das Zittern meiner Körpers, das durch diese Worte hervorgerufen wurde. Schleicher meinte es mit seinen zweideutigen Komplimenten nur gut, das wusste ich, aber manchmal hörte er sich an wie die Kunden, denen ich entfliehen wollte, und das brachte mich zum Zusammenzucken, zum Nachdenken, zum Tränen-unterdrücken-und-Kloß-im-Hals-schlucken. Aber das merkte er nicht, weil ich ihm nur in die Schulter boxte und lachte. "Kümmere dich um deinen Kram, Schleicher."

Ich meinte es aber nicht so. Ich fand es sehr lieb von ihm, dass er mich darauf hinwies und ich wusste, dass er recht hatte. Statt einer Zigarettenpackung hätte ich etwas zu essen kaufen können oder meiner Mutter... Nein. Ich wollte jetzt nicht an meine Mutter denken. Irgendwie komisch, dass ich schon so lange zur Bande gehörte, die anderen aber nur das Nötigste von meiner Vergangenheit wussten. Ihnen war klar, dass meine Mutter hier lebte und dass ich sie manchmal besuchte, aber sie hatten keine Ahnung von deren Tablettenabhängigkeit und der Tatsache, dass ich meinen Verdienst sehr oft zu ihr brachte. Ich wusste nicht, warum ich das vor meinen Leuten geheim hielt. Es war nie zur Sprache gekommen und ich hatte es nie von mir aus angesprochen.

Ich ließ mich tiefer nach hinten sinken und gab ein unterdrücktes Gähnen von mir. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. Ich hatte mich frühmorgens mit einer Kollegin namens Jay-Jay gestritten, die meinte, ich hätte ihr Drogen gestohlen - mein Gott, ich nahm keine Drogen! - und sich dann auch noch beschwerte, dass ich ihr die Kunden stahl. Ich mochte Jay-Jay nicht. Und sie war furchtbar anstrengend. Fast so anstrengend wie mein Job. Ich schloss wieder die Augen und ließ meinen Kopf zur Seite fallen, auf Schleichers Schulter. Er würde schon nichts dagegen haben, wenn ich mir etwas Ruhe gönnte. Und ich war so müde.


Curly
Als ich gerade bei meiner Lieblingsstelle angelangt war, der, an der Tanja aus den Fängen ihres Entführers flieht stubste mich Davide unauffällig an und nickt in die richtung zu meiner Linken. Charlie hatte sich erschöpft an Schleichers Schulter angelehnt, sein Kopf lag auf ihrem dichten Haar, das für ihn weich sein musste wie ein Kissen. Beide hatten sie die Augen geschlossen, beide atmeten sie ganz ruhig. Mir wurd ganz warm ums Herz bei diesem Anblick. Wir sollten echt öfter so zusammenrücken. Dann wandte ich meinen Blick wieder Davide zu. Er zwinkerte. Ich senkte meine Stimme um dann mit nicht weniger Begeisterung mit meiner Geschichte fort zu fahren und war glücklich darüber, dass Davide mir mit so viel Interesse zuhörte. Er war wirklich nett und während ich Tanjas Vergangenheit bis ins kleinste Detail beschrieb stellte sich mir die Frage, was wohl Davide dazu gezwungen haben musste jetzt hier mit uns in diesem eiskalten Keller zu sitzen. 
Ich weiß nicht mehr wie lange ich erzählte aber irgendwann wurde mir wieder kälter und ich schmiegte mich etwas näher an Davide und rückte dabei von Charly weg, die friedlich neben mir dößte. Ich schaute zu ihr und Schleicher hinüber. "Sie sehen süß aus zusammen", stellte ich fest und lehnte meinen Hinterkopf an Davides Seite. An seine Schulter würde ich nicht rankommen, dafür war ich definitiv zu klein außerdem wäre mir das ohnehin zu viel Nähe gewesen. Er gab ein zustimmendes Murmeln von sich und schaute im selben Moment zu mir hinunter in dem ich zu ihm hinauf schaute. Unsere Gesichter berühten sich fast und mir wurde ganz warm als ich seinen Atmen auf meinem Gesicht bemerkte. Ich grinste ihn an während er eher verlegen wirkte und sich leise räusperte.  Er schien genau so wenig Müde zu sein wie ich es war, die Nacherzählung von Tanjas Geschichte hatte uns beide aufgeputscht, außerdem war es ein gefährlicher Tag gewesen und es war eigentlich viel zu kalt um zu schlafen. Bei diesem Gedanken seufzte ich, was eher wie das Seufzen nach getaener Arbeit klang als nach einem bedauerndem, klagendem. "Immerhin haben wir morgen was zu essen.",meinte ich leise, um die Anderen nicht zu wecken und optimistisch. "Stimmt.", murmelte Davide über mir. Unsere Blicke hatten sie wieder beide Schleicher und Charly zugewandt. "Ich würde sagen morgen gehe ich los und suchen mal nach einem Ort, der weniger Kalt ist. Im Nebengebäude dieser Fabrik hier soll sogar noch etwas produziert werden. Vielleicht gibt es ja sogar einen Heizungskeller oder sowas.",malte ich mir mit Lächeln in der Stimme und auf dem Gesicht aus. "Das wärs jetzt ... eine Heizung.", ich schmiegte mich noch näher an Davide und merkte, dass das tatsächlich half. Seine Haut war durch die dünnen Klamotten angenehm warm und ich beneidete Charly kaum um die dicke Jacke über ihren Beinen. "Ich komm dann mit dir mit." Darauf bestand Davide immer, wenn ich sagte, dass ICH losgehe. Ich protestierte nicht mehr. Vier Augen sahen immerhin besser als zwei. Morgen würde wir alos auf Erkundungstour gehen. Charly würde ihrer Arbei nachgehen und Schleicher ... Gott weiß wohin er wieder verschwinden würde.

DAVIDE.
Gespannt hörte ich Curly bei ihrer Erzählung über Tanjas Vergangenheit zu; ich war interessant daran, denn ich hatte Tanja und Ben nicht gekannt und hatte manchmal das Gefühl, dass vor allem Schleicher von mir erwartete, diese in gewisser Weise zu ersetzen. Deshalb strengte ich mich auch an, um an so viele Lebensmittel wie möglich zu kommen und auch auf Curly aufzupassen; einerseits, um Schleicher die Last etwas abzunehmen - denn ich hatte von Charlie erfahren, dass es eine harte Zeit gewesen war, kurz nachdem Tanja und Ben sie verlassen hatten - und andererseits, weil ich mich beweisen wollte. Ich wollte zu ihnen dazugehören, zu dieser kleinen improvisierten Familie, ich wollte das Gefühl haben, sie so gut zu kennen wie mich selbst. Ich wollte wieder Geborgenheit fühlen wie ich es früher tat, als ich beim Fernsehen zwischen meinen Eltern saß. Und ich wollte mir genau das verdienen, indem ich tat, was nötig war, um meiner zukünftigen Familie das Überleben zu sichern. Vielleicht tat ich manchmal zu viel, vor allem zu Curlys Schutz, aber so war das bei Familien - sie machten nicht alles richtig, aber sie machten es aus Liebe.

Während Curly weiterhin erzählte und sich fast schon in Rage redete - was süß war und ich gerne hörte, denn da klang sie so unheimlich jung und unbesorgt - ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich bemerkte, dass sich Charlie und Schleicher zusammengekuschelt hatten und beide schon schliefen oder zumindest dösten - sie sahen schön zusammen aus, die schöne kaputte Frau und der starke Retter, der mit Decken und Schokolade kam. Kurz fragte ich mich erneut, wie er das nur schaffte, dann stupste ich Curly an und zeigte auf die beiden, um sie darauf aufmerksam zu machen. Den Anblick sah man nicht oft und ich wollte das genießen - dass es auch hier irgendwo so etwas wie Geborgenheit geben konnte. Ich zwinkerte dem kleinen Mädchen an meiner Seite zu, als sie mich kurz ansah und dann wieder mit ihrer Geschichte fortfuhr. Ich mochte es, wie unbesorgt sie war, anders als Charlie oder Schleicher. Manchmal, wenn ich sie ansah, konnte ich vergesse, dass ich eigentlich alles verloren hatte. Das schaffte nur Curly mit ihren nassen Locken und ihrem Lachen.

Irgendwann döste ich ein bisschen ein, erwachte ab und zu, hörte Curly davon reden, dass sie uns ein neues Quartier suchen wollte. Sofort ließ ich die Anmerkung fallen, dass ich mitkommen würde, noch im Halbschlaf dachte ich daran, dass ich diesen Engel, dieses Mädchen, meine Rettung, der einzige Mensch, der mir so etwas wie Befreiung von meiner Vergangenheit schenkte, niemals alleine lassen würde. Ich wollte sie beschützen, mein Leben lang. Dass sie sich an mich kuschelte war für mich nichts Komisches, nein, es fühlte sich richtig an, als wäre sie meine Schwester und ich der große Bruder, der sie vor den Monstern beschützte. Ich ließ zu, dass sie sich an mich kuschelte, ich mochte das, die Körperwärme, die mehr half als es jede Decke gekonnt hätte. 

Bevor ich einschlief, murmelte ich noch etwas, was eigentlich Gute Nacht, kleine Schwester heißen sollte - aber ich wusste nicht, ob sie es auch verstanden hatte, denn ich war so unendlich müde... 


Schleicher

Ich wachte auf vor allen anderen. Meine Wange fühlte sich warm an und als ich die Handfläsche daran legte spürte ich den Abdruck von Charlies dicken Haaren darauf. Ich bemühte mich, mich langsam zu entfernen ohne Charlie Decke oder Jacke zu entziehen. Ihr Kopf, der bis eben noch auf meiner Schulter gelegen hatte glitt zur Seite und ich bettete ihn sachte auf den größten Teil der Jacke. Sie döste friedlich. Ich vermutete, dass sie wohl gestenr nicht viel Schlaf bekommen hatte. Sie sah aus wie ein Kind, so in die Decke eingemummelt, nicht älter als Curly. Ihre Sommersprossen verstärkten das Bild noch. Wieder einmal kam mir der Gedanke, dass sie das se hier nicht hingehörte. Sie gehörte nicht auf die Straße oder in den Betten irgendwelcher X-beliebigen alten Säcke. 
Sie gehörte in ein großes Haus mit vielen Fenstern und einem Garten und mit einem großen Balkon, auf dem sie abends rauchen konnte. Sie gehörte in ein weiches Himmelbett in ein seidenes Nachthemd und mit einer dicken Federdecke darüber, nicht auf diesen kalten Boden in diesem billigen Fummel. Ich stellte sie mir vor. Ich stellte sie mir vor als die Tochter einer reichen Familie und sauber und schön und schlafend in eine Umgebung, in die sie gehörte. 

Mit dem Gedanken und einem unangenehmen Pochen, das ich seit dem Aufwachen in der Hose verspürte schlich ich aus dem Raum. Ich war mir sicher, dass meine Jacke und die Decke noch da sein würden wenn ich wieder zurückkehrte, auch wenn ich nicht genau wusste wann das sein würde. 

Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Luft war kalt und roch nach dem Regen vom Vortag als ich durch die verworrenen Gänge zurück aus dem alten Gebäude kletterte. Ich zerrte die dünne Strickjacke enger um meinen Körper und setzte die Kaputze auf. Schnellen Schrittes ging ich durch die menschenleere Stadt. Um diese Zeit schlief Venedig und obwohl der Himmel in ein sanftes Morgenrot gehüllt war und die Wolken von gestern sich aufgelockert hatten zeigte die Stadt mal wieder ihr düsteres, bedrückendes Gesicht. 
Die Gebäude waren alt. Nur wenige von Ihnen waren restauriert worden. Der Geruch von abgestandenem Wasser überdeckte in manchen Vierteln den des Regens. Wasserspeier und kleine Gravuren in Häuserfassaden schienen einen zu Beobachten wohin man auch ging und lauerten hinter jeder Ecke. Ihre Augen und Zungen leuchteten gespenstisch orange in der aufgehenden Morgensonne. In diesem Moment wünschte ich mich auf ein Dach. Auf das Dach des Kirchturms oder eines anderen hohen Gebäudes. Von dort aus würde alles viel heller wirken, viel freundlicher, friedlicher, optimistischer. 

Ich hielt mich an den Häuserwenden, außer natürlich wenn ich über eine Brücke ging, was sich in Venedig nicht umgehen ließ. Ich nahm keine Umwege. Nicht, dass mein Verschwinden schnell auffallen würde. Mein Zimmer war abgeschlossen und falls doch, dann sagte ich eben ich könne nicht schlafen und war spazieren. Das würde keinen Stress geben. Viel mehr Gedanken machte ich mir über das Event, das in wenigen Wochen in unserem Theatersaal stattfinden sollte. Die Arbeitskollegen meines Vaters waren eingeladen. Einige würden ihre Töchter mitbringen. Die Söhne blieben zu Hause, wenn sie in meinem Alter waren oder kamen mit Anzug und Geschäftemacher-Miene wenn sie alt genug waren um in die Fußstapfen ihrer Väter zu treten. Die meisten von ihnen waren steinalt. Warum sie ihre Töchter nicht einfahc zu Hause lassen konnten verstand ich nicht. Die meisten, die älteren konnten sich mit den Ehefrauen unterhalten, über Friseure und Kosmetiker und Virnisages und Neueröffnungen irgendwelcher Geschäfte oder die Mitgleidschaft in Golfclubs. Die meisten von den Ehefrauen mussten nicht arbeiten und obwohl vieles davon auf meine Mutter auch zutraf, hegte ich gegen sie eine gewisse Abneigung. Ich gehörte nicht zwischen diese Menschen. Ich gehörte auf die Straße. 


Es war schon wirklich unfair, wie das Leben manchmal so spielte. Weshalb war ich das Kind einer wohlhabenden Familie geworden und Charlie und Curly mussten auf der Straße leben? Das war nicht fair. Als ich die Tür zum Theatersaal aufschloss dachte ich dran, wie sich Curly heute morgen schlafend an Davide geklammert hatte. Sie hatte den Stoff seines T-Shirts zerknüllt wie sie es sonst bei ihrem Bruder getan hatte. Er würde auf die aufpassen, für heute. Und ich hatte um 8 Uhr Latein.


CHARLOTTE.

Ich wachte auf und mir war kalt. Etwas unwillig suchte ich nach der Körperwärme, mit der ich gestern Abend eingeschlafen war, doch Schleicher war verschwunden. Das war eine ziemlich lästige Angewohnheit von ihm; er verschwand einfach und niemand wusste, wann er wieder auftauchen würde. Noch im Halbschlaf gab ich ein kleines, sehnsüchtiges Seufzen von mir, aber dann spürte ich die Jacke, die er zurückgelassen hatte, und ein kleines Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Er hatte die Jacke wirklich dagelassen. Das war irgendwie schön.

Als ich wach genug war, schälte ich mich langsam aus der Wolldecke, ohne Curly und Davide zu wecken, und verzog mich in eine Ecke des Raumes, wo ich meine Klamotten aufbewahrte. Schnell zog ich mich um, schlüpfte in aufreizende Unterwäsche, dünne Strumpfhosen und ein dunkelgrünes Kleid, dessen dünnes Material sich eng an meinen Körper schmiegte. Mithilfe eines Spiegels schaffte ich es, meine roten Locken zu bändigen und trug noch einiges an Schminke auf. Schließlich wandte ich mich zufrieden ab und warf einen Blick auf das einzige kleine Fenster ganz oben an der Wand, das ein bisschen Licht in den Raum warf. Ich konnte den Regen hören. Kurz warf ich einen Blick auf Schleichers Jacke, dann zog ich meinen schwarzen Mantel an und ließ Davide und Curly alleine.


Es war nicht weit bis zu meiner Arbeit. Sie bestand aus einer alten Villa, durch dessen Hintertür ich in jenen Raum gelangte, den mein Arbeitgeber auch "Hurenraum" nannte. Er lebte in dieser Villa; und in diesem Raum ging er seiner Arbeit nach. Als ich eintrat, entdeckte ich Neil sofort. Er war ein großer Mann mittleren Alters, mit vollem blonden Haar und verblüffend blauen Augen. Er lächelte mich an, als er mich entdeckte, und kam auf mich zu. Neil sah eigentlich aus wie ein total netter Mann, und selbst beim Reden wirkte er so. Aber irgendwie war er es nicht wirklich. Manchmal suchte er sich eine seiner Huren aus, die mit in die Villa durfte. Wenn sie zurückkam, hatte sie kein Geld bei sich, sah aber dafür wie gefoltert aus. Ich war froh, das noch nicht erlebt zu haben. Zum Glück schien er eine Schwäche für Blondinen zu haben und da fiel ich schonmal raus.


"Charlotte", flötete Neil jetzt und sein Blick glitt über meinen Körper. Ich konnte es fast schon auf der Haut spüren und widerstand dem Drang, umzudrehen und wieder nach Hause zu gehen. Ich brauchte diesen Job - nicht für mich, alleine könnte ich auch ohne überleben, sondern für meine Mutter. Also begrüßte ich Neil freundlich, während er mir einen Zettel mit einer Adresse in die Hand drückte. "Schau dort vorbei, wann immer du willst." Sein dreckiges Lachen verursachte mir eine angeekelte Gänsehaut. Aber ich nickte brav. Ich dachte an das Geld.


Bevor ich mich zu meinen Stammkunden aufmachte und um Jay-Jays mörderischem Blick zu entfliehen, machte ich einen Umweg und schaute bei meiner Mutter vorbei. Ich hatte keine Schlüssel, aber das Schloss war ohnehin kaputt, also trat ich einfach so in die Wohnung, den Mantel fest um mich geschlungen. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Mutter von meiner Arbeit wusste, aber sie sollte mich nicht so sehen. (Sah sie mich überhaupt, durch diesen durch Tabletten verschleierten Blick?) 


"Charlie." Sie lächelte. Auf den ersten Blick wirkte meine Mutter völlig klar und schön. Aber auf den zweiten bemerkte ich das Zittern ihrer Hände und den verklärten Gesichtsausdruck. Auf dem Küchentisch stapelten sich leere Tablettendosen und sie saß davor und spielte mit einer - wohl der letzten - Tablette herum. Und mich sah sie an, als wäre ich ihr Lebensretter.


Verdammt, das war ich auch. Ich legte das Geld vor sie, alles, was ich gestern verdient hatte, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ging, nein, lief davon. Sie sollte nicht sehen, wie kaputt sie mich gemacht hatte. Sie sollte nicht sehen, wie kaputt ich mich fühlte. Sie sollte nichts sehen - nur das Geld, dass ihre liebende Tochter ihr gebracht hatte.



 Curly

Als ich aufwachte, spürte ich eine warme Umarmung, große, starke Arme umschlangen meinen gesamten Oberkörper und darunter fühlte sich meine Haut warm an. Auf meinen Beinen, die unter der Decke hervorragten zeigte sich eine Gänsehaut. Ich zog sie an und merkte, wie sie frohren während ich mich enger in die Umarmung schmiegte. Einen Moment flatterten die Bilder aus meinem Traum hinter meinen Lidern, Bens lachen, der Schwindel, der mich überkam als er mich durch die Luft wirbelte, meine winzigen Hände auf seinen Schultern. Er war doch noch so jung.
Ich erinnerte mich, wie wir an dieser großen Kahnkreuzung standen, der der die größeren Kanäle Venedigs zusammenliefen. Ich erinnerte mich an den starken Kanalgeruch und daran, wie Ben hinter mir hockte und die Arme um mich geschlangen hatte. Ich erinnerte mich an seine Stimme, wennauch nichtmehr daran, was er zu mir gesagt hatte, Ich kuschelte mich noch enger in seine Arme, ließ mich darin fallen, Bens Arme, die Arme meines Bruders.
Dann schlug ich die Augen auf. Die Enge des Raumes erschlug mich. Ich stand nicht unter freiem Himmel. Mein Körper fühlte sich schwer an, viel zu groß, wie zu erwachsen. Ich schaute mir meine Hände an, sie waren mehr als doppelt so groß wie die, in meinem Traum. Das war lange her.
Ben war tod. Ich wischte mir mit den ungewohnt großen Händen die Nässe von der Wangen und nahm etwas Abstand von Davides Körper. Er hielt mich zu fest, als dass ich mich aus der Umarmung hätte winden können. Schon der kleine Abstand von ihm ließ mich wieder frösteln. Meine Füße fühlten sich taub an. Ich lauschte. Es regnete nicht mehr.
Langsam drehte ich meinen Kopf um Davides Gesicht zu sehen. Er schlief ruhig, atmete gleichmäßig. Das freute mich. Es freute mich, dass er immerhin im Schlaf seinen Frieden hatte. 
Seine Gesichtszüge sehen weich aus und jung, so wie er da an der Wand lehnte, so wie meine. Er sah aus wie das Kind, das er im Grunde genommen noch war, klein irgendwie ... verletzlich.
Es war nicht das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte auf ihn aufpassen zu müssen. Seit Bens Tod hatte ich sogar das Gefühl, auf ALLE aufpassen zu müssen, sogar auf Charlie, für deren Job ich nun wirklich nichts übrig hatte. Aber das war meine Aufgabe. Schließlich war ich Bens kleine Schwester. Ich musste doch in seine Fußstapfen treten. 
Ich stellte am Lichteinfall fest, dass es etwa früh am Nachmittag sein musste. Charlie war vermutlich schon auf 'Arbeit' und das Schleicher auch weg war wunderte mich nicht. Was mich allerdings wunderte war, dass sie die Jacke dagelassen hatten, die Schleicher gestern mitgebracht hatte. Mein Herz schlug höher bei dem gedanken an ihr weiches Innenfutter und  das gab schließlich den Ausschlag dafür, dass ich mich geschickt und leise wie eine Maus aus Davides Armen wand, was nicht mehr sonderlich schwer war, als er den Griff um mich plötzlich lockerte. 
Ich drehte mich zu ihm um und wickelte ihn auch in das restliche Stück der Decke ein. Seine Nackenhäärchen hatten sich aufgestellt. Auch er fror. Ich hatte den Eindruck, seine Lider hätten sich in der zwischenzeit bewegt doch sein Atem ging immernoch leise und gleichmäßig und so schlich ich zu der Jacke, schlüpfte hinein und angelte mir aus der Ecke mit den Vorräten eine Dose Mandarinen. 
Die Dose gab ein lautes Klicken, gefolgt von einem krrrr von sich, als ich sie öffnete und ich kniff die Augen zusammen und wünschte mir es würde Davide nicht wecken. Doch nun bewegten sich seine Lider tatsächlich und aus seinem Hals kam ein verschlafenes Geräusch. Ich ließ mich an der Wand ihm gegenüber sinken und fischte mir ein paar Mandarinen mit den Fingern aus der eiskalten Flüssigkeit während ich ihn beobachtete.

DAVIDE.

Irgendwann inmitten meines Traumes beschloss ich, dass ich nicht mehr aufwachen wollte. Denn mir war viel zu bewusst, dass ich träumte. Dass das Aufwachen schrecklich sein würde, weil ich dann nicht dort war, wo ich eigentlich sein wollte. Ich wollte für immer und ewig in diesem Traum verweilen, die Arme meiner Mutter um mich spüren, das Lachen meines Vaters. Ich wollte den Rest meines Lebens mit meinen Klassenkameraden Fußball spielen, lachend über den Markt von Venedig laufen und jene Diebe, zu denen ich nun gehörte, als Gesindel abstempeln. Ich wollte auf ewig in meiner Vergangenheit feststecken, wollte von ihr träumen, bis ich starb. Sie war so unendlich schön. So unendlich vorbei. Vorbei, schon so lange. Alles weg.

Im Halbschlaf lösten sich die warmen Arme meiner Mutter von mir und ich konnte meinen Vater sehen, wie er tot hinter seinem Schreibtisch lag; da, wo ich ihn aufgefunden hatte. Ich konnte das Weinen meiner Mutter hören und mein eigenes, und als ich wach wurde, schlich sich eine kleine, ganz winzige Träne aus meinem Augenwinkel über meine Wange nach unten. Ich konnte Curlys Blick auf mir spüren und deshalb wagte ich es nicht, sie wegzuwischen oder noch mehr zuzulassen. Sobald ich die Augen öffnete, war ich wieder der Davide der Straßenkinder; keiner, der so etwas wie eine Zukunft gehabt hatte, ehe alles den Bach runtergegangen war.


Ich ignorierte die Träne. Stattdessen stand ich langsam auf und streckte meine tauben, steifen Glieder. Ich gab ein "Guten Morgen" von mir, brummte es eher, und faltete die Decke, unter der wir geschlafen hatten, ordentlich zusammen. Dass Charlie und Schleicher sich schon längst vom Acker gemacht hatten, war normal und ich machte mir keine sonderlich großen Sorgen darum. Charlie war arbeiten und Schleicher mal wieder in irgendeinem Schlaraffenland. Schon oft hatte ich überlegt, ihm zu folgen, denn ich war neugierig, aber mein Beschützerinstinkt entschied sich ein ums andere Mal dafür, bei Curly zu bleiben. Curly war wichtiger als Schleicher, so meine Devise. Curly war jünger. Curly, für die ich mich einfach so viel mehr verantwortlicher fühlte.


Ich setzte mich neben sie und legte die zusammengefaltete Decke auf ihren Schoß. Obwohl die Sonne durch die kleine Luke scheinte, war es in diesem Loch feucht und kalt, und ich wollte nicht, dass sie fror. Ich selbst trug nur Jeans, Shirt und dünne Weste, aber ich versuchte, mich langsam daran zu gewöhnen. Ich war ein Mann und ein Mann sollte so etwas aushalten. Also unterdrückte ich das Zittern, kramte nach einer Wasserflasche und dem letzten Müsliriegel, den Schleicher gestern mitgebracht hatte. Ich hatte es mir irgendwie angewöhnt, immer Reste zu essen, nie etwas von den neueren Sachen, außer, es bot mir jemand an. Ich fühlte mich als Neuling und hatte das Gefühl, wieder ausgestoßen zu werden, würde ich etwas Falsches anfassen.


"Wie geht es dir?", fragte ich und biss in den trockenen Riegel. Das war immer das Erste, was ich Curly am Morgen fragte. Natürlich. Denn als Straßenkind musste man unter anderem vor allem darauf aufpassen, nicht krank zu werden. Eine leichte Verkühlung konnte an diesem Ort schon zu etwas viel Schlimmeren werden. Ich achtete auf jedes Husten (außer bei Charlie, ihr Husten war ja raucherbedingt) und jeden Schnupfen und hoffte in Gedanken, etwas tun zu können, wenn es einmal soweit war, obwohl ich wusste, dass das nicht der Fall war. Eine Apotheke bestehlen? Denkste.


Wir waren doch alle irgendwo dem Tode geweiht. 



Schleicher

Der Lateinunterricht ging schnell vorbei, Mathe, die Stunde die darauf folgte ebenfalls und ich bekam wie immer Hausaufgaben, die ich sofort erledigte. Ich schob nichts gern auf. Die Sprachen mochte ich am liebsten. Es fühlte sich natürlich an mit meinem Mund die neuen Laute zu formen und jede Sprache hatte etwas für sich. Latein klang hochtrabend, es gab keine Sprache, die sich ähnlich übersteigert anhörte. Das langweilige an Latein war, dass es eine tote Sprache war. Sie veränderte sich nicht, es würde niemals neue Redewendungen oder dergleichen geben und auf einem der vielen Urlaubstrips mit meinen Eltern würde ich niemals jemandem begegnen, der sich mit mir auf Latein unterhielt weil es seine Muttersprache war. Latein war meine 7. Fremdsprache.

Meine Mutter schaute gegen Mittag vorbei, erinnerte mich unnötigerweise an die Veranstaltung, die übermorgen im Theatersaal stattfinden würde. Sie umarmte und küsste mich und sagte mir, ich solle mir rechtzeitig ein Outfit für den Abend rauslegen. Sie erzählte auch, dass diese Veranstaltung eine Jubiläumsfeier war. Erst wurde groß in einer der teuersten Gaststätten der Stadt gegessen, davor hatte ich mich drücken können, aber danach zog die ganze Gesellschaft in unseren Saal um bis in die späten Abendstunden zu feiern, was soviel bedeutete wie: jede Menge Champagne trinken und sich dabei über allen möglichen Schwachsinn unterhalten. 

Ich hatte nicht vor das Haus zu verlassen bis es Abend wurde und so machte ich mich an Hausarbeit und schuf Ordnung während ich an die Mädchen dachte. die Übermorgen erscheinen würden. Ich versuchte sie zu sortieren, zunächst nach dem, was ihre Eltern auf dem Konto hatten, dann nach Symphatie und letztendlich nach Aussehen. Keine von ihnen sah Charli auch nur im entferntesten ähnlich, stellte ich mit bedauern fest. Die meisten von ihnen waren blond oder brünette mit seidigen Glanz von teurem Shampoo in den Haaren, mit strahlend weißen Zähnen und reiner Haut und den teuersten Klamotten, die zurzeit auf dem Markt waren. Ein Mädchen hatte ich besonders ins Auge gefasst, sie war groß, schlank und hatte bei jedem unserer Zusammentreffen ein Kleid mit weitem Ausschnitt getragen. Ihr Haar war blond und gewellt und ihre Nase gerade. Manchmal blinzelte ie heftig, weshalb ich glaubte, dass sie Kontaktlinsen trug aber vor allem gehörte die Firma, die übermorgen das Jubiläum feierte ihrem Vater. 

Ich weiß nichtmehr wo er und mein Dad sich kennenlernten, vermutlich war das noch nicht allzu lange her gewesen, denn ich war noch nie bei ihnen zu Hause gewesen und während ich Ordnung in meinem Zimmer schuf nahm ich mir vor, mich mit ihr näher zu beschäftigen sobald die Jubiläumsfeier stieg. Danach glitten meine Gedanken zu den weniger reichen, weniger hübschen oder symphatischen Mädchen. Einige von ihnen waren mir so lästig, dass ich mir aus Gehässigkeit vorstellte wie sie wohl auf der Straße klarkommen würden. Vermutlich hätte sie nach einem Abend einer der Zuhälter umgarnt und ehe sie sich versahen machten sie den selben Job wie Charlie.

Charlie. Da war sie schon wieder. Ständig war sie in meinen Gedanken. Was war nur mit mir? Sie war nur ein Straßenmädchen, sie war weder reich, noch unschuldig, noch konnte sie mir irgendetwas bieten. Ich war lediglich dazu da auf sie aufzupassen, so wie ich es die letzten Monate getan hatte und würde sie irgendwann einmal nicht von ihrer Arbeit zurückkehren würde ich die gesamte Stadt nach ihr umkrempeln. Selbst wenn das erworderte, meine Identität preis zu geben. Still hoffte ich, dass es niemals dazu kommen würde als die Stimme meiner Mutter mich aus der Küche rief. "Adrian? Kommst du essen?"


CHARLOTTE.
Es wurde ein langer Tag. Während ich meine Stammkunden abklapperte, war ich mir der Anwesenheit des Zettels in meiner Manteltasche deutlich bewusst. Ich hatte einen kurzen Blick auf die Adresse erhascht, als Neil ihn mir in die Hand gedrückt hatte, und wusste, dass mein nächster Kunde ein überaus reicher Bonze in einer Villengegend sein würde. Einerseits war das gut, denn diesen Menschen war egal, wieviel Geld ich verlangte, doch andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade solche Leute die krankesten Fantasien hatten. Deshalb sträubte ich mich in Gedanken dagegen, dieses Angebot anzunehmen und verbrachte viel mehr Zeit als nötig bei meinen Stammkunden. Natürlich wusste ich, dass ich letztendlich zu dieser Adresse gehen würde; Neils Angebote waren keine Angebote. Es waren Befehle. Und ich brauchte das Geld.

Ich war bei meinem letzten Stammkunden und zögerte den Abschied heraus, indem ich mir seinen großen Spiegel zunutze machte und mein Haar kämmte. Sein Name war Greg – um die 40 Jahre alt, mit weißem Haar und einem ansehlichen Körper. Einer meiner Lieblinge, denn er war eigentlich ein ganz netter Kerl und schien nur eine Auszeit von seiner Frau zu brauchen. Er hatte auch nichts dagegen, dass ich mich bei ihm für den nächsten fertig machte, und schaute mir dabei zu, während er sich eine Zigarre drehte. Ich sah im Spiegel, dass er mich musterte, und der väterliche Ausdruck in seinen Augen entging mir dabei nicht. Dass er meinen Arsch anglotzte, auch nicht.

Ich fuhr ein letztes Mal durch mein Haar und legte den Kamm zurück auf die Kommode.  Ich setzte mein Kundenlächeln auf und drehte mich zu Greg um, der in diesem Moment aufstand und mir das Geld in die Hand drückte; mehr, als ich verlangt hatte. Er umarmte mich sogar zum Abschied, auch wenn er dabei noch einmal meinen Arsch berührte, und flüsterte mir zu, dass er sich freuen würde, mich morgen wieder zu sehen. Ich saugte diese Zuneigung auf, weil ich nicht wusste, was mich als nächstes erwarten würde. Der Zettel in meiner Manteltasche knisterte.

Die Adresse befand sich neben einem Theater; eine große Villa, riesig und wunderschön. Wie immer blieb ich für einen Moment stehen und starrte dieses Gebäude an, versuchte, mir vorzustellen, wie es wäre, darin zu wohnen. Dann merkte ich, dass jemand vor dem Theater stand und mich ansah, entledigte mich dieser Gedanken und stieg schnell die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. Ich klopfte, weil ich mir unsicher war, ob Nutten hier auch anläuten durften, und tatsächlich öffnete mir wenige Sekunden später ein Mann. Er schien Bescheid zu wissen; zumindest winkte er mich rasch ins Haus.

Eigentlich sah er wirklich nett aus. Irgendwo um die 50 Jahre alt, ziemlich muskulös, mit strahlend blauen Augen und kunstvoll zerzausten Haaren. Ich versuchte, mich zu entspannen und in meine Nuttenrolle zu fallen, strich mein Haar zurück und lächelte ihn an. Wahrscheinlich sah das bescheuert aus, mitten in seinem riesigen Vorzimmer, aber er war genau vor mir stehen geblieben und bat mich nicht, weiterzugehen.

„Charlotte“, stellte ich mich mit meiner verführerischsten, erotischsten Stimme vor und versuchte, in meinen hohen Stiefel noch ein bisschen größer zu wirken. „Ich bin mir sicher, dass ich ihnen gute Dienste leisten werde.“


Er stieß mich ein paar Stunden später aus dem Haus. Er gab mir die Anweisung, am nächsten Tag wiederzukommen. Er sagte mir auch, dass er Neil Bericht erstatten würde, wenn dieser es nicht tat. Und das Geld in meiner Hand war, das wusste ich, ohne es nachzuzählen, viel zu wenig für die vielen Stunden, die ich bei ihm verbracht hatte. Ich sagte es diesem Mann nicht. Ich nickte nur brav auf all seine Befehle und konnte nicht einmal erleichtert aufatmen, als er die Tür hinter mir zuwarf. Stattdessen wankte ich ein paar Schritte, stellte erst dann fest, dass es wie aus Strömen regnete und  entschied mich schließlich dazu, unter dem Vordach des großen Theaters Schutz zu suchen.

Ich konnte in den abgedunkelten Fenstern des Theaters sehen, wie erbärmlich ich aussah. Mein Haar war vollkommen zerzaust, meine Lippen zitterten. Ich unterdrückte die Tränen und das Zittern. Der Mann hatte mir meinen Mantel zwar wiedergegeben, jedoch konnte ich ihn nicht mehr schließen; die Knöpfe waren abgegangen. Das Kleid darunter bestand nur noch aus Fetzen, die die nötigsten Stellen bedeckten, und die Schuhe hatte er gleich behalten. Die Steinen unter meiner Sohle drückten und taten weh, und es war unheimlich kalt darunter. Ich sah scheiße aus.

Das war nichts im Vergleich dazu, wie ich mich fühlte. Ich konnte auf meinen Handgelenken die Stellen sehen, wo die Fesseln meine Haut aufgerieben hatten, ebenso wie an den Fußknöcheln. Ich konnte noch die Peitsche an meinem Rücken spüren, den Knebel in meinem Mund. Die Abdrücke seiner Finger an meinem Hals. Ganz zu schweigen von den südlicheren Gegenden.

Ich fühlte mich, als wäre ich entzweigerissen worden.

Ich blieb vor dem Theater stehen. Ich hatte das Gefühl, zusammenzubrechen, würde ich mich auch nur einen Schritt vorwärtsbewegen.

Curly

"Gut und dir?",antwortete ich ihm. "Du sahst aus, als hättest du gut geschlafen." Ich genoss jeden einzelnen Bissen der Konserve und beobachtete ihn aufmerksam. Er sah verschlafen aus. Dunkle Ränder zeichneten sich unter seinen Augen ab. Er gähnte und nickte langsam. Seine Augen sahen betrübt aus, auch wenn sein Mund leicht lächelte. "Könnte wärmer sein.",meinte er sarkastisch während er den Müslirigel schnell heruntergeschlungen hatte. Ich hielt ihm die Dose hin und munterte ihn auf sich ein paar Mandarinen zu nehmen. Ich wusste, dass er nie etwas nehmen würde, was man ihm nicht anbot. Das war mir in den letzten Wochen, die er bei uns war schon aufgefallen. "Wovon hast du geträumt?",fragte ich als er aß. Ich war schon wieder putzmunter. Mir konnte man wirklich nicht nachsagen, ich wäre ein Morgenmuffel, außerdem war mir dank der Jacke und der vielen Decken über mir mollig warm. 

"Von früher", murmelte er betrübt. Ich hielt es für eine bessere Idee nicht weiter nach zu bohren und frühstückte so lange mit ihm, bis die Dose leer war. "Heute also große Erkundungstour, ja?",fragte ich aufgedreht und wibbte hippelig auf meinem Platz hin und her. Einen Moment sah er irritiert aus. Dann schien die Erinnerung an letzten Abend langsam wieder in ihn hinein zu sickern. "Wir wollten uns einen wärmeren Platz suchen.",dachte er laut. Ich nickte und stand auf. ...

Was sich als eine blöde Idee herausstellte denn sofort begann ich zu frösteln. "Lass uns schnell raus hier.", schlug ich vor und blickte mich hastig um, so als gäbe es ein Dutzend Wege aus diesem Raum hinaus und nicht nur zwei. Einer von ihnen führte hinaus und einer tiefer in den verfallenen Fabrikkeller hinein. Ich wusste nicht, ob ich mir wünschen sollte, dass dort noch Menschen arbeiteten oder nicht. Der Traum von dem funktionstüchtigen Heizungskeller war immer noch da, andererseits war dort dann immer die Gefahr, jede Minute erwischt zu werden und dann brauchten wir ein ganz neues Versteck, eines, das nicht so nah am Markt war und vielleicht nicht einmal überdacht.

Wir suchten den ganzen Vormittag, durchkemmten jede Abzweigung und verliefen uns oft. Das Gebäude war ein einziges Labyrinth und jede verschlossene Tür entweder ein Hindernis (einige konnte ich knacken) oder eine Sackgasse. Davide weigerte sich von meiner Seite zu weichen und wir sprachen kein Wort. Die langen, schmalen Flure hallten Meterweit und um jede Ecke sodas wir acht geben mussten nicht gehört oder gar entdeckt zu werden. 
Wir waren leise. 
Wir waren Schatten. 
Wir waren die Kinder der Straße.


DAVIDE.
Der Tag verging und doch verging er nicht. Wir befanden uns in den tiefsten Tiefen des Gebäudes, indem sich unser jetziger Unterschlupf befand. Es war ein Labyrinth aus Kellern und Gängen und nach einigen Stunden [Minuten, Tagen? Es war schwer, das Zeitgefühl zu bewahren, wenn man nur durch Dunkelheit stolperte.] wurde mir langsam klar, dass das hier nicht nur der Keller eines Gebäudes war. Die Gänge schienen sich über ganz Venedig zu erstrecken. Oft genug rochen wir Fisch und Kloaken, als ob sich direkt neben uns ein Fluss befinden würde. Es war komisch und irgendwie furchteinflößend, aber Curly ging mutig voran und schien nicht die Absicht zu haben, die Suche nach einem Versteck aufzugeben. Ich ging hinterher, weil ich wusste, dass ein weiteres Eingreifen sie nur wieder so zickig machen würde wie am vorigen Tag.

Ich hatte die Hoffnung schon vor einer ganzen Weile aufgegeben. Unser jetziger Raum war einfach perfekt; zwar kalt, aber nicht nass, und soweit versteckt, das ihn keiner auf Anhieb finden konnte, gleichzeitig so, dass wir ihn fanden. Natürlich entdeckten wir auf unserer Tour auch ähnliche Räume, doch meistens trieften sie nur so vor Nässe, hatten undichte Löcher, keine Fenster oder waren zu klein für uns vier. Es war hoffnungslos; hier gab es nichts.

Ich wollte schon Curly sagen, dass es sinnlos war und ich Hunger hatte und wir mal anfangen sollten, einen Weg nach draußen zu finden, doch gerade in dem Augenblick entdeckte ich etwas. Erst wusste ich nicht recht, ob ich dem nachgehen sollte, doch dann packte ich Curly am Handgelenk und zog sie aufgeregt mit. Wir hatten uns in einem größeren Gang, fast schon Tunnel befunden, und man konnte schon Licht am Ende sehen, doch ich zog das Mädchen nun einen kleinen Seitengang.

Wir gingen ein paar Meter, dann standen wir genau vor dem, was ich gerade entdeckt hatte: eine Wand. Curly schien es nicht zu verstehen, denn sie hob nur eine Augenbraue, doch ich begann, die Wand abzutasten. Auf den ersten Blick wirkte sie wie eine einfache Wand, doch ich hatte etwas Silbernes aufblitzen sehen. Tatsächlich fand ich den Türgriff einige Minuten später und drückte ihn nach unten. Er war fast verdeckt von Spinnweben und Wandfarbe - warum hier jemand gestrichen hatte, war ein Rätsel - und ich war froh, ihn entdeckt zu haben.

Ich kletterte durch den kleinen Spalt, der entstanden war, in den Raum. Weiter konnte ich die Tür nicht öffnen, doch das war gut, es bedeutete Sicherheit. Curly krabbelte hinterher und folgte mir stumm einen Gang entlang. Diesmal fand sie, hundert Meter von der ersten Tür entfernt, einen etwas größeren Spalt in der Mauer. Seitlich kam ich bequem durch - und dann befanden wir uns plötzlich in einem großen Raum. Er hatte ein Fenster und war trocken und unbewohnt und als ich langsam die Wand entlangging, fand ich noch einen weiteren Spalt, der in eine kleinere, aber ebenfalls durchaus bewohnbare Höhle führte.

War es das, wonach wir gesucht hatte? Ein Höhlensystem unter Venedig? 

Nanett Carino

 Ich stieg au dem Wagen und hiefte die Einkäufe aus dem Kofferraum. Der Regen fiel in die Tüten und ich beeilte mich sie unter das Vordach des Thaters zu schaffen, damit der Inhalt nicht vollends durchnässte. Erst als ich die letzte der drei schweren Beutel vor den Eingang geschafft und Kofferraum sowie Auto verschlossen hatte bemerkte ich das Mädchen.

Sie war Barfuß, das war das erste, was man auffiel, aber dann bemerkte ich den Rest, ihre verissenen Klamotten, dass klitschnasse Haar und die Art, wie sie zusammengekrümmt dastand und sich die Arme um den Körper schlang, als würde sie auseinanderfallen wenn sie es nicht täte. "Ach du meine Güte.", hauchte ich entsetzt als ich ihr gegenüberstand und mir klar wurde, dass sie nicht viel Älter war als mein Sohn. "Mädchen!",sprach ich sie an. Sie reagierte nich und ich kam näher. "Mädchen!, Ach du meine Güte!" Jetzt schien sie sich zu regen, als sie aufsah war ihr Gesicht gerötet und aufgequollen, wie von zurückgehaltenen Tränen, die Locken hingen ihr im Gesicht und an ihrem Hals waren rote Flecken, die sich langsam blau zu färben schienen.

Ich ignorierte ihr Outfit. Diese ganze Sache war einfach zu grausam.

Hastig schloss ich die Tür auf und schob die Einkäufe mit den Füßen hinein. Dann kehrte ich zu ihr zurück und nahm sie behutsam bei den schmalen Schultern, während ich sie so hinein taxierte. "Komm erstmal mit mir.", murmelte ich beschwichtigend und schloss die Tür hinter uns, nachdem ich das Theater mit Licht gefluetet hatte. Wir liefen bis nach vorn zur Bühne und ich setzte sie auf einen Stuhl in der ersten Reihe. "Bitte warte einen Moment, Liebes. Ich bin gleich zurück. Wir bringen das in Ordnung.",redete ich auf sie ein und versuchte zuversichtlich zu klingen. Das Mädchen war wirklich übel geschunden und ich schleppte die Einkäufe im Eiltempo durch den langen Gang, brauchte eine Weile um durch die dicke Metalltür zu kommen, die das Theater von unserem Haus trennte und stellte die Tüten achtlos in die Küche. Ich ließ die Kaffemaschiene Kakao kochen und schnappte mir eine Decke als ich zu dem Mädchen zurückkehrte, außerdem das schnurlose Telefon.

Halb rechnete ich damit, dass sie weg sein würde, oder vielleicht irgendwo in unserer Wohnung herumlief um Sachen mitgehen zu lassen. Doch das Risiko war es wert und meine Ängste stellten sich als falsch heraus als ich den Theatersaal erneut betrat. Sie saß immernoch allein und zusammengesunken in dem roten Sessel und ich legte sorgsam die Decke um sie und legte ihr das Telefon in den Schoß. "Wenn du irgendjemanden anrufen möchtest.",ich schob das Telefon noch näher zu ihr. "Wir können auch die Polizei rufen. Sag mir einfach wer es war. Ich kümmere mich darum. Damit können die doch nicht durchkommen.", das Mädchen schaute mich scheu an und wieder bermerkte ich mich Schrecken, wie jung sie noch war. Sie kuschelte sich in die Decke, was mich etwas beruhigte.

"Also ich lasse dir gerade Kakao durchlaufen. Ich hoffe das ist okay, aber du kannst auch Tee haben oder Saft oder so, aber ich denke etwas warmes würde dir gut tun so halb durchgefroren wie du ausssiehst. Sobald dir wieder wärmer ist, suchen wir im Kostümfundus..." ich nickte in Richtugn Bühne "...nach ein paar passenden Klamotten für dich. Da finden wir bestimmt was. Und Schuhe! Meinegüte wer klaut denn einem armen Mädchen die Schuhe?!", ich schüttelte unverständlich den Kopf. Was gab es nur für Menschen auf dieser Welt. Das Mädchen nickte zaghaft und ich lächelte. "Wie gesagt, ruf an, wen du magst, auch ins Ausland, ganz egal. Ich hole dir deinen Kakao." Dann verschwand ich wieder im Haupthaus.


CHARLOTTE.
Ich wusste nicht recht, wie mir geschah. Im ersten Moment stand ich noch vor dem Theater und versuchte, mich zu beruhigen, damit die anderen mir nachher im Versteck nichts anmerken konnten, und im nächsten Augenblick wurde ich an den Schultern gepackt und in das Gebäude bugsiert. In den ersten paar Sekunden war ich panisch und erinnerte mich an die Gewalt, der ich eben noch ausgesetzt gewesen war, doch als ich es geschafft hatte, die Tränen wegzublinzeln, die meine Sicht versperrt hatten, erkannte ich meinen "Angreifer" als eine Frau, die fast einen Kopf kleiner war als ich.

Sie schob mich durch einen großen Raum, den ich als Theatersaal wiedererkannte, und setzte mich in einen bequemen Stuhl ganz hinten. Ich hätte mich wehren können, doch meine Gliedmaßen fühlten sich immer noch taub und wund an und ich fühlte mich viel zu müde und geschafft, um wegzulaufen. Außerdem wirkte dieser Mensch auch nicht, als ob er mir etwas Böses antun wollte. Im Gegenteil: Diese Frau betrachtete mich völlig außer sich, entsetzt darüber, was mir angetan wurde. Noch dazu war es in diesem Theater mollig warm und nicht so kalt wie der Regen, in dem ich eben noch gestanden hatte.

Die Frau rannte gehetzt in eine andere Richtung, nicht ohne mich vorher beschwichtigend zu bitten, hier zu bleiben. Ich zog die Knie an und bettete meinen Kopf darauf, schloss die Augen und versuchte, langsam ein- und wieder auszuatmen. Immer noch versuchten die Tränen, mich zu überwältigen, doch ich verdrängte sie so gut es ging. Davon bekam ich zwar Kopfschmerzen, aber eines wusste ich: Würde ich auch nur eine Träne durchlassen, war es zu spät und ich würde schluchzen wie ein kleines Kind. Genau das versuchte ich zu verhindern. Ich wollte die Kontrolle nicht verlieren. 

Die Frau kam wieder. Ich konnte ihre Schritte hören und das Zufallen der schweren Tür, durch die sie gekommen war. Ich hob den Kopf, gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, wie sie mich in eine dicke, wollene Decke hüllte, die mich an den gestrigen Abend erinnerte. Sofort kuschelte ich mich in sie ein, froh darüber, meinen halbnackten Körper verdecken zu können und ihm noch mehr Wärme zu spenden. Die Frau redete die ganze Zeit auf mich ein, und es war komisch, dass sie sich solche Sorgen um mich machte. Sie führte sich auf wie eine Mutter und obwohl sie das nicht wahr, war es irgendwie ein schönes Gefühl, so umsorgt zu werden. Sie drückte mir sogar ein Telefon in die Hand, bevor sie wieder verschwand. Ich starrte es eine Weile an, bis ich es neben mich legte. Wen sollte ich schon anrufen? Ich hatte doch keine Freunde und meine Mutter besaß kein Telefon.

Ich kuschelte mich enger in die Decke und schloss die Augen. Das war schön. Ich hatte es vermisst, mich ein bisschen wohl zu fühlen.

Curly

Staunend legte ich den Kopf in den Nacken. Der Raum war um einiges höher als unser Versteck und schwaches Licht fiel aus einem einzigen, langen schmalen Fenster, das den oberen Teil der Wand links von mir einnahm. Das Glas war schmutzig und mehrschichtig, sodass man es von außen sicherlich  nicht ohne Weiteres einschlagen konnte. 
"Was war das noch einmal für eine Fabrik, in der wir wohnen?", war das Erste, was ich seit über einer Stunde sagte. Die Frage war an David gerichtet, der die Wände nach weiteren Gängen abtastete. "Die haben Rohrleitungen hergestellt, glaube ich", antwortete er. Seine Stimme war - wie meine - nicht leise. Er wusste, dass uns hier niemand hören würde. "Sie hatte eine Direktverbindung zu diesem Höhlensystem", stellte ich fest. "Hast du vorhin auch das Wasser und den Gestank gerochen? Das hier ist alles noch ÜBER der Kanalisation", jauchzte ich fröhlich. "Das da..." Ich zeigte auf das Fenster. "... ist Tageslicht. Ich wette, auf dieser Ebene der Stadt verlaufen die Leitungen, die vor Nässe geschützt werden müssen." 
Was auch immer das für einen Sinn ergeben sollte. Man konnte Rohrleitungen sicher auch wasserfest produzieren. Vielleicht war die Fabrik deshalb kurz vor dem Bankrott, der Großteil ihrer Abteilungen war ja bereits geschlossen. Dieser Raum hier war seit Jahren niciht betreten worden. Er war das Zuhause zahlreicher Insekten und anderer Tiere, verstaubt und voller Schmutz und Spinnenwegen. Meine Schritte hinterließen Abdrücke in der Dreckschicht auf dem Boden.

"Wenn die Fabrik abgerissen wird, gerät das alles hier bestimmt in Vergessenheit", murmelte ich an mich selbst gerichtete. Oder wie viele andere Ausgänge diese Höhlen wohl hatten? Ich drehte mich zu Davide um, der mittlerweile hinter mir stand und - wie ich - zum Fenster hinauf schaute. "Möchte wissen, wo wir sind", murmelte er und machte eine kauende Bewegung mit dem Mund. 
"Wir sind vorhin um so viele Ecken gelaufen. Ich hatte den Eindruck, wir haben uns nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Aber heb mich hoch, dann wissen wir's." Davide schien einen Moment irritiert, schließlich ließ der Blick, mit dem er mich von oben herab anschaut, darauf schließen, dass er nicht sofort wusste, was ich von ihm wollte. Fast hätte ich geseufzt. Zwischen mir und Ben hatte es nie Verständigungsschwierigkeiten gegeben. Er hätte mich da rauf gehoben, noch bevor ich auf die Idee gekommen wäre. Aber Ben war auch mein Bruder gewesen. 

Und Ben war tot.

Stattdessen grinste ich Davide also breit von unten herauf an, bis ich ihm ansah, dass er verstanden hatte. "Hock dich am besten erstmal hin oder geh zumindest ein bisschen in die Knie, dann kann ich auf deinen Rücken springen", schlug ich vor. "Keine Sorge, ich bin federleicht", versuchte ich, ihn zu beschwichtigen. Er war nicht gerade der Muskulöseste und viel gegessen hatte er in der letzten Zeit auch nicht, aber ich vertraute darauf, dass er mich nicht fallen lassen oder unter mir zusammenbrechen würde. 
Er tat, was ich ihm gesagt hatte, und ich kletterte so behände wie nur möglich an ihm herauf. Ich setzte mich auf seine Schultern, konnte aber nur den Himmel hinter dem milchigen Glas erkennen. "Noch ein bisschen höher", forderte ich. Ich spürte ihn unter mir zittern. "Es geht nicht höher", gab er etwas pampig zurück. Er tat mir leid.
"Doch, geht es. Versuch jetzt nur nicht, umzufallen." Er knirschte mit den Zähnen und ich drückte mich von seinen Schultern ab, weiter Richtung Decke. "Da, ich seh was", quiekte ich. Da war Grün, viel Grün und Braun und... ein Kreuz? Eine Kirchturmspitze. 

"Ich sehe die Kathedrale. Das Kreuz zeigt, glaube ich, nach rechts. Also von uns aus gesehen." Ich war begeistert, wir waren immer noch ganz nahe am Stadtzentrum. "Wie weit entfernt", knirschte Davide unter mir. "Nicht weit. Lass mich wieder runter." Genau das hatte er hören wollen und als er in die Knie ging, so behutsam wie er eben konnte, fiel ich schließlich doch etwas unsanft von seinen Schultern. Mir war einen Moment etwas schwindlig, dann begann ich zu kichern, als ich Davides besorgten und entschuldigenden Blick sah. "Fuck, tut mir leid. Alles okay bei dir?", fragte er und machte Anstalten, mir aufzuhelfen.
Ich kicherte nur weiter, richtete mich auf und klopfte den Schmutz von meinen Klamotten. "Also das hier müssen wir in die Reinigung bringen", scherzte ich. Er grinste und einen Momente flatterte ein seltsam ungewöhnliches Gefühl durch meine Magengegend. "Ich schätze, hier liefen mal irgendwelche Leitungen zusammen, wurden dann aber rausgeschafft, als sie unbrauchbar waren.  Das Metall kann man ja wiederverwerten. Dahinten in dem Raum sind noch Spuren, wo man sie raus gerissen hat", erzählte Davide und nickte in die Richtung. Als er sich von mir abwandte, war das Gefühl vorüber. "Also oben ist alles zugewuchert. Ich will wetten, das hier ist so ein Schandfleck am Rand der City, ein kleines Grundstück, das mal ein Schrebergarten war oder so, aber dann für den Bau der Leitungen benötigt wurde. Es wird der Stadt gehören. Aber niemand hier kann es gebrauchen, also verwuchert es", offenbarte ich meine Spekulationen. "Siehst du, da oben?" Ich hatte ein Loch in der Decke entdeckt, das von Spinnenweben zugewachsen war. "Da ist bestimmt so ein Belüftungstürmchen drauf, weißt du, was ich meine? Diese Teile, aus denen es immer so stinkt, wenn man vorbei kommt. Mittlerweile wird es von Laub und Ästchen zugedeckt sein. Zumindest sehe ich keinen Wasserfleck, obwohl es in Strömen geregnet hat. Es ist dich. Aber irgendwo muss da noch Luft durchkommen, dort oder bei den Fenstern, denn riechst du das?"

Ich schnupperte ein paar Mal in der Luft herum und musste vom ganzen Staub niesen. "Es riecht nach Regen, einigermaßen frisch auch, trotz all des Staubs." Zu meinen Fuß kroch gemächlich ein großer brauner Käfer entlang. Ich hockte mich hin und lächelte ihn an. "Na, Kleiner. Ist das dein Zuhause?" Ich machte eine Pause, sah mich im Raum um, sah zu Davide rüber und dann wieder zu dem Käfer. "Das ist toll. Unseres jetzt auch."

DAVIDE.
Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr meine Schultern und mein Rücken schmerzten. Ich wusste, dass Curly rein theoretisch ein Fliegengewicht war, welches ich mit Leichtigkeit durch den Raum tragen können sollte. Verdammt, Curly war nicht nur rein theoreitsch ein Fliegengewicht, sondern auch praktisch. Sie war ein kleines, ausgemergeltes Straßenkind! Doch das war ich jetzt auch und früher, als der Schüler Davide, der, der auch mal Fußball gespielt und gleichzeitig eine gesunde Ernährung genossen hatte, hätte  ich dieses Mädchen wahrscheinlich ein paar Meilen tragen können, ohne mich zu beschweren. Nur war ich nicht mehr der Kerl von damals; schon lange nicht mehr. Die Klamotten, die ich noch hatte, schlabberten an meinem viel zu dünnen Körper herab, obwohl sie früher perfekt gepasst hatten. Und meine Kraft war auch nicht mehr die, die es mal war. Jetzt machte mir jemand wie Curly Rückenschmerzen. Das war doch frustrierend!

Trotz der Schmerzen musste ich lächeln, als Curly sich hinhockte und zu dem Käfer sprach. Sie war solch eine Frohnatur! Selbst noch als verwaistes Straßenkind konnte sie jeder Situation etwas Gutes entlocken und war nie pessimistisch. Eigentlich war sie das genau Gegenteil von mir: immer gut drauf, risikofreudig und unheimlich schön sehr, sehr niedlich. Man konnte gar nicht anders, als sie in Schutz nehmen zu wollen. Sie wirkte so zart und zerbrechlich und klein, die Sommersprossen auf ihrer Haut und die mädchenhaften Locken verstärkten dieses Gefühl noch. Ich konnte nicht anders: Ich wollte sie beschützen. Die kleine Curly. Ich fühlte mich einfach für sie verantwortlich. Ich wollte nicht, dass ihr etwas zustieß. Ihr nicht. Jedem anderen, nur nicht ihr.

"Das ist wirklich perfekt", lächelte ich und riss mich von Curlys Anblick los. Stattdessen sah ich mich in dem Raum um. Er war wirklich größer als unser derzeitiges Versteck, doch gleichzeitig hatte die Natur ihn so gestaltet, dass er dennoch nicht allzu viel Platz bot. Manche der Wände waren glatt, während andere sich spitzer anfühlten. Für vier Leute war dieser Raum einfach nur perfekt! Ich sah auch schon, wo ich mein Lager aufschlagen würde: in einer Ecke bei dem milchigen Fenster. Das würde so schön werden - bei Sonnenlicht aufzuwachen! Zu sehen, wie die Abenddämmerung langsam heranbrach und dieses Zimmer ins Dunkel hüllte. Langsam einzudämmern, während Schleicher die unglaublichsten Sachen aus seinem Rucksack zauberte, Curly Geschichten erzählte und Charlie sich von der Prostituierten  zu dem Mädchen verwandelte.

Das war auch etwas, was mich überrascht hatte. Wenn Charlie sich Sachen anzog, die weniger aufreizend waren und das Make-Up aus ihrem Gesicht wusch, sah sie so unglaublich jung und unberührt aus. Dann wirkte sie gar nicht mehr wie die Charlie, die ich kannte: eine sarkastische Prostituierte, mit der man sich besser nicht anlegte. Ohne all das war sie einfach nur ein Mädchen, ein Straßenkind, und in solchen Momenten tat sie mir so unglaulich leid. Sie alle taten mir leid. Sie alle mussten dieses Leben schon so viel länger führen als ich und ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, was sie schon alles durchmachen mussten. Sie hatten ein schreckliches Leben.

Mein Blick schweifte wieder zu Curly. Sie lächelte immer noch, völlig verzückt von der Tatsache, dass wir tatsächlich fündig geworden waren. Ich beschloss, dass das völlig in Ordnung war, und ging dann zu dem Loch, aus dem wir gekommen waren. "Komm, wir schauen mal, wo es hier wieder nach oben geht. Ich will nicht jedes Mal dieses Labyrinth vor mir haben, wennn ich hierher kommen will. Und danach schauen wir mal, wie wir das Loch hier etwas sauberer machen können. Was sagst du dazu?"

Natürlich war sie sofort Feuer und Flamme.

Nanett Carino

Als ich mit dem heißen Kakao in der Hand zurück kam blieb ich einen Moment vor ihr stehen, stutzend darüber, dass sie das Telefon beiseite gelegt hatte... dieses arme Geschöpf. "Niemanden zum anrufen, hm?" Ich murmelte es bedauernd, eher zu mir selbst als zu ihr, dann drückte ich ihr den Kakao in die Hand. "Du solltest vielleicht noch kurz warten, er ist sehr heiß, aber du kannst solange deine Hände an der Tasse wärmen.", schlug ich vor, dann setzte ich mich einen Moment neben sie und traute mich nicht, sie mir noch näher anzusehen. Es zerriss mir das Herz mir vorzustellen, dass sie unter anderen Umständen vielleicht jetzt in einer guten Schule sitzen und sich auf dem Pausenhof mit netten Gleichaltrigen unterhalten könnte. "Wie alt bist du?", ich traute mich kaum zu fragen, doch als Antwort starrte sie nur mahnisch in ihren Kakao.

Ich beschloss, dass ich wieder etwas tun musste, etwas anderes, als hier einfach nur rumzusitzen also schielte ich in ihren Rücken, um auszumachen welche Kleidergröße sie hatte, doch das Schild war abgerissen, also schätze ich, vermutlich hatte sie S oder sogar XS, sie war noch ein Kind, aber ihre Oberweite war beträchtlich. Vermutlich war sie unter all dem Hunger und der Gewalt, die sie erlitten hatte eine Schönheit. Als sie stand war sie größer als ich gewesen, aber das heißte nicht viel, die halbe Welt war größer als ich, also machte ich mich unter dem dumpfen Geräusch meiner Absatzschuhe auf den Weg in den Fundus. Die Tür klemmte aber irgendwie bekam ich sie doch auf und zielsicher betrat ich die Lagerhalle, die drei Stockwerke umfasste und vollgestopft war mit Requisiten,  Perücken und vor allem mit Kostümen, einige opulent, andere schlicht.

Ich suchte unter den schlichteren und fand einige Blusen mit Röschen in Pastelltönen, die ich beiseite schmiss. Ich wollte ihr schließlich helfen, auch wenn es sich schwierig gestaltete in ihrer Größe WARME Klamotten zu finden. Ich fand einen Pulli in graugrün, der perfekt war, einen schwarzen Mantel mit goldenen Knöpfen im Militärlook, der aus einer Komödie stammte, die schon seit Jahren nichtmehr aufgeführt wurde. Das mit der Hose würde einfach werden, ich fand eine Jeans, die ihr passen könnte, brahcte aber vorsichtshalber trotzdem einen Gürtel mit. Stiefel gab es im Schuhfundus auch zu Genüge. Ich nahm die, die am wetterfestesten aussahen, vermutlich sogar echtleder in dunklem rotbraun. Alles in allem passte das Outfit zusammen und der Pullover war weit genug ausgeschitten, dass er Spielraum ließ für ihre Brüste. Socken nahm ich im Vorbeigehen mit und als ich an den Requisiten eines Moskauere Stucks vorbeilief steckte ich sogar noch Handschuhe ein, die ihr vermutlich zu groß waren und eine Fellmütze. Ich hoffte, sie würde sich darüber freuen und kam mit einem Arm voller Kleidung zurück in den Theatersaal gestürzt. Sie saß immernoch da, wie ich sie zurückgelassen hatten, nur war die Tasse leer - sie musste wirklich durstig gewesen sein - und ihre Gesichtszüge ganz entspannt. Sie atmete gleichmäßig.  Sie schlief. Ich legte den Klamottenstapel neben sie und nahm ihr die Tasse aus den Händen, die sie immernoch umklammert hielt.

Ich befand es nicht für nötig sie zu wecken oder noch länger bei ihr zu bleiben. Statt dessen ging ich zurück ins Haupthaus, stellte die Tasse in den Spüler und räumte die Einkäufe aus, dann nahm ich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und mein Blick fiel auf meine Handtasche, darin befand sich Pfefferspray. Einen Moment rang ich mit mir, doch dann befand ich, dass sie es nötiger hatte als ich und ich legte beides, Wasserflasche und Pfefferspray auf ihre Klamotten, doch dann entschied ich mich um und stopfte das Pfefderspray in einen ihrer Handschuhe. Zwar glaube ich nicht, sie würde es gegen mich verwenden aber sie musste es auch nicht sofort finden um auf derartige Gedanken zu kommen.
Ein paar Minuten sah ich ihr zu, wie sie schlief und mir schossen 1000 Bilder durch den Kopf, die sich mit Erinnerungen an meinen Sohn Adrian vermischten, dann ließ ich sie allein in ihrer kleinen heilen Welt der Träume.

CHARLOTTE.
Ich war nun schon seit vielen Jahren ein Straßenkind und hatte einiges dazugelernt, nachdem ich in jungen Jahren viele Fehler begangen hatte. Zum Beispiel sollte man als Prostituierte nie bei seinen Kunden einschlafen, sonst würde man es bitterlich bereuen. Ich hatte es mir daher angewöhnt, nur im Beisein meiner Bandenkollegen zu schlafen, um jedwege Belästigung von Vornherein unmöglich zu machen. Als ich nun aufwachte, die dicke Decke auf mir spürte und den ungewohnten Geruch wahrnahm, war mir sofort klar, dass ich mich nicht zuhause befand.

Panisch sprang ich auf und sah mich um, doch niemand war in dem großen Saal zu sehen. Die Fremde, welche sich mir angenommen hatte, war verschwunden und wäre ich nicht immer noch hier, hätte ich all das für einen Traum gehalten. Verwirrt drehte ich mich im Kreis, doch niemand war zu sehen. Auf einem Sessel hatte jemand einen Klamottenhaufen hinterlassen. Vorsichtig inspizierte ich ihn, nicht ohne alle paar Sekunden einen Blick hinter mich zu werfen. Langsam wurde mir klar, dass ich all das einfach mitnehmen könnte: die warme Decke, die Kleidung. Doch mir war unwohl in diesem Raum, ich hatte Angst, dass die Frau jede Sekunde zurückkommen konnte. Auch war mir unwohl bei dem Gedanken, sie zu bestehlen, doch sie hatte ausgesehen wie jemand, der verstand. Länger bleiben konnte ich nicht, ein Blick hinter eines der großen Fenster des Raumes sagte mir, dass es schon dunkel war und ich so schnell wie möglich zurück in das Versteck musste.

Ich schlüpfte aus dem zerfetzten Kleid und stand einige Sekunden lang nur in Unterwäsche da. Diese waren immer noch völlig durchnässt, und um mir keine Erkältung einzufangen, zog ich sie ebenfalls aus. So schnell wie möglich stieg ich in die Jeans und zog mir dann den Pullover über, der sich weich an meine Haut schmiegte. Die Schuhe passten perfekt und auch der Mantel würde mich gut vor der Kälte schützen. Zu guter Letzt zog ich noch die Handschuhe über, stopfte Mütze, Unterwäsche und Kleid in eine der großen Manteltaschen und faltete dann die Decke zusammen, um diese unter dem Mantel vor dem Regen zu schützen. Als ich mir die Handschuhe näher ansah, bemerkte ich, dass sich etwas darin befand: ein Pfefferspray. Ich ließ es vorsichtig in meine Manteltasche sinken. Dann blieb ich noch einen Moment lang stehen, zögernd, ob ich einfach so verschwinden sollte, lauschte der Stille des Raumes. Dann hörte ich Schritte, zuckte zusammen und befand mich nur wenige Sekunden später wieder im kalten Dunkel des Regens.

So schnell wie möglich und gleichzeitig so langsam, dass ich nicht auffiel, fand ich meinen Weg durch die vielen Gassen Venedigs bis zu dem Versteck. Die anderen würden sich sicher schon fragen wo ich blieb und ich versuchte, mir eine gute Ausrede einfallen zu lassen. Der neue Kunde! Ich würde ihnen verklickern, dass er mir die Sachen geschenkt hatte. Das klang nach einem Plan. Ich wich einer Gruppe Betrunkener aus, die mir irgendetwas hinterherriefen und beschleunigte daraufhin meine Schritte, bis ich endlich das Gebäude erreicht hatte, in dem sich unser Versteck befand. Meine Füße fanden ihren Weg ohne dass ich sie steuern musste und schließlich betrat ich unseren kleinen Raum. Das Licht brannte; alle waren da.

Ich schlenderte in meine Ecke und breitete dort meine nasse Unterwäsche aus. Mir war warm in dem Mantel und ich beschloss, ihn heute Nacht nicht mehr auszuziehen. Nachdem ich ein paar Stunden in den nassen Klamotten geschlafen hatte, war eine Erkältung fast schon vorauszusehen und ich wollte diese nicht noch verschlimmern. "Mein neuer Kunde ist sehr spendierfreudig!", erzählte ich schnell auf die fragenden Blicke der anderen und breitete dann schnell die Decke über Curlys zarter Gestalt aus. "Hier. Die ist für dich."

Ich war nicht so der Mensch, der seine Gefühle offen zeigte, und so wandte ich schnell wieder den Blick von Curly ab, der kleinen süßen lieben Curly, und ließ mich stattdessen wieder in meine Ecke sinken. Ich konnte die Blicke der drei auf mir spüren, die sich sicher fragten, warum der Kunde mir all das geschenkt hatte, und warum ich humpelte und jede Bewegung abschätzte. Ja - der Schlaf hatte mir sicher gut getan, aber ich konnte die Wunden, Striemen spüren, die er an mir hinterlassen hatte. Gut, dass der Mantel lange Ärmel hatten und sie die Wunden, die die Fesseln hinterlassen hatten, nicht sehen konnten.

"Was habt ihr heute so gemacht?", fragte ich schnell, um mich aus dem Mittelpunkt zu rücken. Es war mir unangenehm, sie anzulügen, auch wenn ich gut darin war.  

 
Curly

Es platzte nur so aus mir hervor. Ich hatte warten wollen, bis alle da waren und Davide musste mir versprechen, dass ICH von unserer Höhle erzählen durfte und er nichts vorher verriet.
"Wir haben eine neue Unterkunft!" Ich war so glücklich ich schrie beinahe. "Es ist ein richtiger kleiner Raum, belüftet aber trocken und stellt euch vor, wir haben sogar ein FENSTER! Richtiges Tageslicht. Ist das nicht prima?! Ich meine klar, es ist etwas schmutzig aber wir können es säubern, vielleicht bekommen wir sogar ein paar Möbel da runter, eine alte Couch vielleicht oder irgendwas vom Sperrmüll. Wisst ihr noch? Wie früher mit Ben?"

Das beste Versteck, war wir je hatten hatte Ben für uns gefunden. Es war ein Container in der Nähe des Hafens gewesen. Bei einem Kranunfall war er abgestürzt, ziemlich verbeult aber vor allem nicht mehr verwendbar. Als der neue Kran wieder stand, war der Container irgendwo im Nichts schonwieder vergessen. Es hatte uns einige Mühe gekostet, ihn aufzubrechen aber danach hatten wir ein Dach über den Kopf um während der Jahre wuchs der Container so weit zu, dass wir quasi unmöglich zu entdecken waren. Wir hatten Möbel hineingeschafft, eine große, kaputte rote Couch vom Sperrmüll, auf der Ben und Nathalie immer lagen und schmusten. Wir hatten sogar einen Tisch und eine Dartscheibe. Nach dem Überfall auf das Schiff waren wir alle natürlich in unser zu Hause geflohen, aufgelöst von Bens tot fiel uns nichts besseres ein, doch die Wachmänner waren uns gefolgt und nachdem wir entkommen waren, wurde der Transporter kurze Zeit später fortgeschafft. All unser hab und gut mit ihm.
Eine bessere Chance auf eine ordentliche, gefahrenlose Unterkunft war uns bisher nie untergekommen. 

Bis jetzt.

Ich war so im Gedanken versunken gewesen, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie Davide das Wort übernahm "Was Curly noch nicht erwähnt hat... der Raum ist nur ein kleines Teil eines gesamten Höhlensystems." Jetzt wurde Schleicher hellhörig und auch Curly wandte sichtlich bemüht den Kopf. Davide erzählte ihnen von unserer Vermutung über die Rohrleitungen, über die Firma, in der wir uns hier eingenistet hatten und über die Möglichkeiten, die uns aufgetan wurden.
"Das sind vollkommen neue Transportwege - unbemerkt!", stellte Schleicher fasziniert fest. "Erstmal müssen wir sehen, wo die Wege hinführen und wo die Ausgänge sind ... WENN es Ausgänge gibt.", wandte Davide ein. "Wenn es Türen gibt wird Curly sie knacken.", fügte Charlie hinzu. Ich musste lächeln über dieses kleine Kompliment. Mein Blick glitt wieder ins Leere bei der Vorstellung "Wir könnten mir einen Roller klauen! Okay, oder zumindest ein Fahrrad. Wir haben jetzt platz es unter zu stellen!"

Davide schüttelte den Kopf. "Wir können nicht mit dem ganzen Kram immer durch diese Fabrik hier. Die Erkundung des Systems hat für uns jetzt oberste Priorität." Er machte eine Pause. "Vorrausgesetzt ihr seit bereit dazu." Er warf Charlie in ihren neuen, sauberen Klamotten ein schiefes Lächeln zu. "Könnte etwas schmutzig werden." Ich wusste nicht, ob ich die Einzige war, die den Kommentar für unangemessen hielt aber um die Situation wieder etwas aufzulockern fügte ich hinzu "Außerdem stinkt es an manchen Stellen fürchterlich. Wir sind direkt über der Kanalisation." Ich war verzückt von dieser Tatsache. "Klar, bin dabei.", stimmte Schleicher ein und ich meinte in seinen Augen ein Funkeln zu erkennen, das bei mir eine positive Gänsehaut auslöste. Dieser Typ hatte eine Abenteuerbereitschaft in sich, die ansteckend war, vorausgesetzt er entschied sich dafür, sie raus zu lassen. Auch Charlie nickte, wenn auch noch etwas skeptisch.

"Das ist es beschlossen!",quiekte ich glücklich.
"Dann ist es beschlossen.", stimmten sie zu.

DAVIDE.
Den ganzen Abend lang war Curly unheimlich aufgeregt gewesen. Ich hatte ihr sogar das Versprechen abnehmen müssen, dass sie diejenige sein würde, die den anderen von unserer neuesten Entdeckung erzählen würde. Als ob ich diesem kleinen Wirbelwind zuvorkommen könnte! Es war fasziniert, sie dabei zu beobchten, wie sie mit roten Wangen in unserem Versteck hin und her wippte und ungeduldig auf die Ankunft der anderen wartete. Schleicher kam mit der Abenddämmerung, wie er es immer tat und merkte sicherlich, dass wir etwas zu sagen hatten, aber in dieser Bande schien es so etwas wie einen Kodex zu geben, dass man Neuigkeiten erst mitteilen konnte, wenn alle da waren. Ich kannte mich damit nicht aus, als Neuling, doch spielte ich mit und wartete zusammen mit den anderen auf Charlie.

Als diese schließlich unsere Höhle betrat, wusste ich nicht, was mich mehr überraschter: Die neuen Klamotten, welche sie sicher unheimlich gut wärmten, oder der humpelnde Gang, mit dem sie zu ihrer Ecke stolperte und den sie versuchte, zu überdecken. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war Charlie diejenige in dieser Bande, mit der ich am wenigsten anfangen konnte. Sie war so unglaublich sarkastisch und manchmal sogar feindselig jedem gegenüber. Noch da zu war sie eine Prostituierte und ich wusste nicht recht, warum sie sich das antat. Ich wusste kaum etwas über sie, nur, dass sie mir jedes Mal furchtbar leid tat, wenn sie mit sichtbaren Schmerzen auf ihrem Lager kauerte und versuchte, die Augenringe mit Make-Up zu überdecken. Ich hatte auch nicht das Recht, sie nach dem Grund für diese Arbeit zu fragen, und deshalb tat ich es nicht, sondern beobachtete nur. Zumindest war sie jetzt da und ich konnte Curly ansehen, wie sie aufblühte, wie sie nun endlich damit rausplatzen wollte.

Ich hörte zu, was sie erzählte und war überrascht davon, dass sie ihren Bruder erwähnte. Natürlich hatte ich gewusst, dass es der Bande vor Bens Tod und Nathalies Verschwinden besser gegangen war, aber dass sie tatsächlich eine Art Zuhause gehabt hatten, das hatte man mir verschwiegen. Es freute mich, dass wir nun dazu beigetragen hatten, wieder auf den alten Status zu kommen, und um zu beweisen, dass auch ich mitgeholfen hatte, mischte ich mich schließlich in das Gespräch ein und erzählte, was Curly ausgelassen hatte: Von dem Höhlensystem und den Möglichkeiten, die sich uns dadurch boten. Es war schön, zu sehen, wie sich die Augen der anderen beiden ebenfalls erhellten, wie sie gierig jede Information, die wir ihnen gaben, aufsogen und zumindest Schleicher sofort Feuer und Flamme war. Charlie wirkte vor allem nachdenklich, doch auch sie nickte schließlich und schien bereit, dieses System, das vor uns lag, zu erkunden. 

Es fühlte sich gut an, wie wir alle plötzlich mit strahlenden Augen dasaßen und aus dem Grinsen nicht mehr herauskamen. Es fühlte sich an, als wären wir eine richtige Familie, die ein neues, schöneres Zuhause gefunden hatte. Es fühlte sich so schön an, dass mir beinahe die Tränen kamen, doch ich senkte den Kopf und biss stattdessen in den Müsliriegel, den ich noch in meinem Vorrat gehabt hatte. Ich hatte den Tag über noch nichts gegessen und jetzt gab mein Bauch deutliche Zeichen von sich. Alles in mir sehnte sich nach etwas Warmen, nach Würstchen oder einem saftigen Stück Fleisch, doch ich wusste, dass das nicht möglich war, und so begnügte ich mich mit dem Riegel und sah einen nach dem anderen an. Curly lächelte immer noch, sie wirkte aufgeregt und hibbelig, Schleicher war ebenfalls absolut Feuer und Flamme, während Charlie offensichtlich bald die Augen zufallen würden. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob sie die Höhlensystem erkunden konnte, wenn sie doch nichtmal richtig gehen konnte. Aber es gab ja andere Aufgaben, sie könnte die Höhle, die wir für uns auserkoren hatte, sauber machen. Nichts stand uns mehr im Weg. Wir würden ein neues, ein besseres Versteck finden!

Ich kam aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus.

<Die Datei mit diesem Post war schon ewig auf meinem Tablet. Als ich es irgendwann mitten in der Nacht geschrieben habe, fand ich, dass es noch nicht fertig war aber als ich es eben nochmal gelesen habe hatte ich nichts mehr hinzuzufügen. Ich hoffe es reicht dir. Tut mir Leid, dass du so lange drauf gewartet hast. Ich hab dich lieb.>


Schleicher



In meinem Traum lief ich einen Tunnel entlang, einen langen, schwarzen,  endlosen Gang. Ich rannte auf eine Stimme zu, die von den Wänden zurückgeworfen wurde. Sie schrie. Es klang wie ein Kampf, ein Betteln, ein Flehen. Die pure Panik packte mich und ich rannte immer schneller und schneller, doch kam ich nicht vorwärts. Sie schrie meinen Namen. "Adrian", doch das war fremd. Das klang falsch. Dieser Name klang nicht richtig ihrem Mund. Sie rief nach einem Fremden. "Hilf mir!", wimmerte die Stimme. "Hilf mir Schleicher, hilf mir".

Und mir brach der Boden weg und ich versuchte alles, um mich an den Backsteinen festzuklammern. Sie waren glatt und feucht und meine Finger suchten vergebens nach Halt. Als ich stürzte wurde alles schwarz.

Im nächsten Moment blendete mich Neonlicht. Gleichaltrige lachten dümmlich, als der Lehrer das Wort "steif" verwendete. Ich wollte hier nicht sein, durfte nicht! Ich musste ihr doch helfen! Als ich aus dem Fenster sah konnte ich sie sehen. Sie kauerte im Schnee, Wind durchzauste ihr Haar, kaum ein Fetzen Stoff am Leib. Ihre Silhouette war knochig und ausgedürrt und ihre schmalen Arme versuchten den zierlichen Körper vor der Kälte zu schützen. Ich wollte rausstürzen, sie zu mir holen, sie wärmen. Doch meine Beine waren schwer wie Blei und ich war unfähig, mich von meinem Sitzplatz zu lösen.

Meine Eltern betraten den Raum. Mum legte ihre Hand auf meine. "Komm mit, Schatz. Du bist zu gut für das hier. Du bist etwas besonderes." Meine Klassenkameraden lachten wieder und äfften sie nach. "Bist was besonderes... Besonderes. Viel zu gut für das hier." Dann wurde ich am Arm gerissen und plötzlich lösten sich meine Beine. Entschlossen blickte ich aus dem Fenster, doch sie war nicht mehr da. Da war nichts mehr, nur Dreck auf einsamen Straßen. Wild riss ich mich von meiner Mutter los "WO IST SIE HIN?", brüllte ich. "WAS HABT IHR MIT IHR GEMACHT? WO IST SIE?!" Meine Eltern blieben ganz ruhig. "Oh du wirst sie sehen, mein Engel. Sie macht das ganz fabelhaft.", antwortete Mum  mit beruhigender Stimme, doch in mir kochte wieder die Angst hoch. Die selbe Angst, die ich auch im Tunnel hatte. "Hilf mir Schleicher, Hilf mir."

Ich schloss die Augen und versuchte aufzuwachen, doch statt dessen fand ich mich in unserem Theater wieder. Überall waren Leute, wohlgekleidete Menschen aus der Oberklasse mit feinen Anzügen und teuren Frauen. Sie reden und lachten und keiner richtete seine Aufmerksamkeit auf das Schauspiel auf der Bühne.
Da stand sie, in Stiefeln und Mantel und einem wunderschönen Pulli, schön, aber verloren. Verloren zwischen Sachen, die ihr nicht gehörten und Männern, Männern, die jetzt auf die Bühne stolperten und an ihren Klamotten herumrissen. Ich schrie sie an, sie sollten aufhören, doch aus meiner Kehle kam kein Ton. Ich rannte los, wollte auf die Bühne, wollte diese wiederwärtigen Typen von ihr fortzerren, doch in dem Moment in dem ihr Blick mich fand, ein Ausdruck von Fassungslosigkeit und Schmerzen, verschwand sie vor meinem Augen. "Schleicher?", hörte ich noch ihr Flüstern, das im Nichts wiederhallte.
Regungslos stand ich da. "Charly"

Als ich aufwachte war sie über mich gebeugt. Ihre Hände lagen auf meinen Schultern, so als hätte sie mich schütteln wollen. Vielleicht hatte sie es sogar getan. Etwas kribbelte auf meiner Wange und als ich es wegwische wollte, waren meine Fingerspitzen nass.

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