Schon eine ganze Weile her, dass ich hier etwas getippt habe. Zuletzt noch vor meinem Umzug nach Gelsenkirchen und es fühlt sich an, als wären seitdem Jahre vergangen. Es ist so vieles geschehen, so viel Schlechtes und Gutes und Schreckliches und Bezauberndes. Wie viel kann ein Mensch erleben. Manchmal habe ich das Gefühl, zu platzen vor Glück und an anderen Tagen zerreißt es mich vor Schmerz. Heute ist einer dieser Tage dazwischen, ein müder Tag. Ich liege im Bett. Und du?
Ich habe das Gefühl, ich bin in den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren, grau geworden. Meine Flügel, deren Tinte und Farben du immer so geliebt hast, sind farblos geworden, sind vollkommen verblasst. Ich bin ein grauer Schmetterling auf der Suche nach etwas, was ihm wieder Farbe verleiht. Es ist schwierig, ein grauer Schmetterling zu sein, es tut weh und es ist nicht einfach, aber ich blicke nach vorne. Suche nach Farbe. Nach Tinte. Versuche zu schreiben, versuche aufzustehen und etwas zu tun, und sei es nur, mein Zimmer immer und immer wieder umzustellen. Ich lese. Ich gehe nach draußen an die frische Luft. Ich kuschle mit Menschen, ich fahre durch die Gegend, ich lebe. Ich lebe sogar noch als grauer Schmetterling, auch wenn mir wenig davon Freude bereit. An manchen Tagen ist die Welt wunderschön, bin ich mit meinem Freund zusammen, sehe ich liebe Menschen oder passiert sonst etwas Tolles und ich fühle nichts. Das sind graue Tage. Farblose Tage.
Tage voller Farbe sind selten geworden. Manchmal passieren sie, sind aus heiterem Himmel einfach da und überfordern mich, aber machen mir unglaublich viel Freude. Ich klammere mich daran fest, ich versuche, sie zu genießen, aber sie sind wie Seife, die immer wieder aus deiner Hand flutscht, je mehr du versuchst, sie festzuhalten. Ich hatte am Wochenende schöne bunte Tage, vielleicht ist das Kontingent für dieses Jahr jetzt erschöpft. Aber es hat sich allemal gelohnt.
Und zwischen all diesem Schmerz und der Farblosigkeit und den bunten Tagen und dem Leben werde ich langsam erwachsen. Erledige ich Telefonate, suche mir eine neue Mitbewohnerin, habe mir sogar ein Tattoo stechen lassen. Wenn ich mir meine "Will ich unbedingt mal tun"-Listen ansehe, die ich vor Jahren geschrieben habe, dann habe ich davon echt viel schon abgehakt, obwohl ich im Moment das Gefühl habe, das Leben rase nur so vor mir davon. Aber ich wohne alleine in einer schönen Stadt, ich verdiene Geld und studiere ein Fach, für das ich Begeisterung aufbringen kann, ich habe Freunde und Familie, eine wundervolle Beziehung, knallrote Haare, ein Tattoo... Ich bereue nichts, denn es hat mich hierhin geführt, denke ich. Jeder Fehler, den ich gemacht habe. Jetzt bin ich hier.
Manche Tage sind grau. Aber ich glaube daran, dass ich wieder bunte Flügel bekommen werde, wenn ich nur weiterhin nach vorne schaue, nach etwas Farbe Ausschau halte und so gut lebe, wie ich nur kann. Ich versuche es, Hanna. Ich versuche es wirklich. Wünsch mir Glück.
In Liebe,
Itsu
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