Schleicher
Wie ein Wirbelwind flitze Curly durch
den Container, verwandelte ihn in ein buntes, glitzerndes Etwas. Ein
paar Tannenzweige hatte sie gefunden, nass vom tauenden Schnee lagen
sie auf dem Boden, aber Tannen gehörten zu Weihnachten also ließen
wir sie liegen. Curlys Weihnachtsstimmung konnte man sich einfach
nicht entziehen. Während Ben sie hochhob um eine anscheinend halb
zerrissene Girlande an der Decke zu befestigen summte sie etwas, das
annähernd nach „Carol of the bells“ klang. Mir war vorher noch
nie in den Sinn gekommen, dass Straßenkinder keine Weihnachtslieder
kannten. Doch so schief und falsch die Melodie auch klang, sie
steckte an, sie steckte alle an und die Pappe brannte fröhlich
knisternd in der Tonne und versprühte eine wohlige Wärme. Die
Wärme, die hier alle vor dem Erfrieren schütze, doch nun sah man
sie an als wäre sie ein lodernder Kamin in irgendeinem Wohnzimmer an
Heilig Abend.
Die Weihnachtsmütze, die ihr wirres
Haar bändigte hatte ich ihr mitgebracht und ihre Augen hatten so
sehr gestrahlt, dass ich beinahe befürchtete sie würde vor Freude
anfangen zu weinen.
Während sie weiter durch den Raum
tänzelte stimmte Tanja mit ein und sie begannen kindlich umeinander
herumzuhüpfen.
Ein bisschen beneidete ich Ben um seine
kleine Schwester. Manchmal war es anstrengend ein Einzelkind zu sein,
besonders wenn einen die Eltern zu vorführten wie mich. Doch Curly
war mit der Zeit unser aller kleine Schwester geworden und Ben unser
aller großer Bruder. Und so kam es natürlich, dass es sich unsere
kleine Familie nicht nehmen ließ, gemeinsam Weihnachten zu feiern.
„Seit ihr alle bereit?“,quiekte die
Kleine vergnügt. „Bereit wofür?“,fragte ich gespielt
ahnungslos. Ich wusste genau, was jetzt kommen würde, auch Charlies
Augen leuchteten bereits. „BESCHERUNG!“ Alle wir wir auf der
Couch oder dem Boden saßen sprangen wir auf und versammelten uns um
die Tonne. Ben schleifte einen blauen Müllbeutel aus einer Ecke des
Raumes hervor und rief überschwänglich „Ho Ho Ho, wart ihr denn
auch alle artig?“
Ich verschränkte die Arme vor der
Brust und sah zu, wie sich die Mädels auf ihre Geschenke stürzten.
Auch Ben schüttelte nur den Kopf und blickte lächelnd auf das
Durcheinander.
Die meisten Päckchen waren mit
Zeitungspapierresten umwickelt. Auch ich hatte mir mühe gegeben auf
bedrucktes Geschenkpapier zu verzichten und hatte mich für silbrig
glänzende Alufolie entschieden, meine Geschenke waren zumindest vor
der Schneenässe verschont geblieben während die anderen etwas
durchnässt aussahen, doch das störte hier niemanden.
Ich hatte versucht etwas nützliches zu
schenken und hatte für alle Pullover gekauft, allesamt warm und
kuschelig mit irgendeinem Weihnachtsmotiv. Curly und Ben hatten
Pullis mit Renntiermotiv, die intentisch waren, außer, dass sie
nebeneinander lächerlich aussahen, da einer aussah als wäre er für
eine Puppe und der andere für einen Riesen. Sofort zogen sich beide
den wärmenden Stoff über den Kopf uns lachten sich dann gegenseitig
aus … oder an … oder sie freuten sich einfach nur, dass ihnen
warm war. Tanja bekam einen roten Pulli mit weißen Schneeflocken und
Charlies war tannengrün, mit kleinen silbernen Stickereien. Als ich
ihn so an ihr sah musste ich mir auf die Lippe beißen. An ihr sah er
wirklich teuer aus. Das war er auch gewesen und ich habe lange nach
dem richtigen Teil gesucht aber es war immer etwas riskant, soetwas
zu schenken. Allesamt sahen sie aus, als könnten sie mir um den Hals
fallen und das taten sie letztendlich auch und ich landete lachend
auf dem Boden. „Hab ich in einem Second Hand laden gekauft. Die
Verkäuferin war leicht zu beeindrucken.“,murmelte ich mit einem
Augenzwinkern und niemand stellte mehr Fragen.
Der Rest der Geschenke waren
Kleinigkeiten: Zuckerstangen oder Lebkuchenherzen, die vom
Weihnachtsmarkt mitgehen lassen wurden, Curly verschenkte ein
goldenes Glöckchen an Ben und ging mit dem Geklingel allen auf die
Nerven, auch wenn es ihr niemand übel nehmen konnte. Curly bekam
Schokolade und ein Geschenk stach noch heraus. Ben schenkte Tanja
eine Kette, eine kleine, dünne, glänzende Silberkette. „Die hab
ich gefunden, nicht geklaut, ich schwöre.“,erklärte Ben, während
er sie ihr um den Hals legte. „Der Verschluss war etwas kaputt, ich
hab ihn reparieren lassen und ihr eine Politur verpasst.“ Er sah
ziemlich verlegen aus und auf die kurze, bewundernde Stille danach
folgte ein inniger Kuss, der nicht nur Ben verlegen sein ließ.
Curly stürzte mit einem Mal zum
Müllsack und zog ein paar Stöcker heraus. Ich hielt es im ersten
Moment für Feuerholz, doch als sie es über das küssende Paar hielt
erkannte ich den Mistelzweig.
Charlie begann zu lachen. „Wo hast du
den denn aufgetrieben?“ Curly grinste „ Hab ich geschenkt
bekommen. Ich bin einfach zu der Verkäuferin gegangen und habe
gesagt „Ich würde gern ein bisschen Liebe verteilen, dürfte ich
bitte einen ganz kleinen Zweig haben?“ Ich habe ganz große Augen
gemacht und e'voila!“ Sie fuchtelte damit rum und tänzelte
weiterhin summend durch den Raum. Nachdem der Kuss vorbei war und Ben
mit hochrotem Kopf, wennauch sichtlich glücklich in der
Weltgeschichte herumschaute spürte ich plötzlich ein Tippen auf
meiner Schulter. Hinter mit stand Curly und über mich hielt sie
ihren Mistelzweig. Und neben mir, neben mir stand Charlie.
