Mittwoch, 24. Dezember 2014

Itsus Weihnachtsgeschenk oder "Schleichers Erinnerung"

Schleicher

Wie ein Wirbelwind flitze Curly durch den Container, verwandelte ihn in ein buntes, glitzerndes Etwas. Ein paar Tannenzweige hatte sie gefunden, nass vom tauenden Schnee lagen sie auf dem Boden, aber Tannen gehörten zu Weihnachten also ließen wir sie liegen. Curlys Weihnachtsstimmung konnte man sich einfach nicht entziehen. Während Ben sie hochhob um eine anscheinend halb zerrissene Girlande an der Decke zu befestigen summte sie etwas, das annähernd nach „Carol of the bells“ klang. Mir war vorher noch nie in den Sinn gekommen, dass Straßenkinder keine Weihnachtslieder kannten. Doch so schief und falsch die Melodie auch klang, sie steckte an, sie steckte alle an und die Pappe brannte fröhlich knisternd in der Tonne und versprühte eine wohlige Wärme. Die Wärme, die hier alle vor dem Erfrieren schütze, doch nun sah man sie an als wäre sie ein lodernder Kamin in irgendeinem Wohnzimmer an Heilig Abend.
Die Weihnachtsmütze, die ihr wirres Haar bändigte hatte ich ihr mitgebracht und ihre Augen hatten so sehr gestrahlt, dass ich beinahe befürchtete sie würde vor Freude anfangen zu weinen.
Während sie weiter durch den Raum tänzelte stimmte Tanja mit ein und sie begannen kindlich umeinander herumzuhüpfen.
Ein bisschen beneidete ich Ben um seine kleine Schwester. Manchmal war es anstrengend ein Einzelkind zu sein, besonders wenn einen die Eltern zu vorführten wie mich. Doch Curly war mit der Zeit unser aller kleine Schwester geworden und Ben unser aller großer Bruder. Und so kam es natürlich, dass es sich unsere kleine Familie nicht nehmen ließ, gemeinsam Weihnachten zu feiern.

„Seit ihr alle bereit?“,quiekte die Kleine vergnügt. „Bereit wofür?“,fragte ich gespielt ahnungslos. Ich wusste genau, was jetzt kommen würde, auch Charlies Augen leuchteten bereits. „BESCHERUNG!“ Alle wir wir auf der Couch oder dem Boden saßen sprangen wir auf und versammelten uns um die Tonne. Ben schleifte einen blauen Müllbeutel aus einer Ecke des Raumes hervor und rief überschwänglich „Ho Ho Ho, wart ihr denn auch alle artig?“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu, wie sich die Mädels auf ihre Geschenke stürzten. Auch Ben schüttelte nur den Kopf und blickte lächelnd auf das Durcheinander.
Die meisten Päckchen waren mit Zeitungspapierresten umwickelt. Auch ich hatte mir mühe gegeben auf bedrucktes Geschenkpapier zu verzichten und hatte mich für silbrig glänzende Alufolie entschieden, meine Geschenke waren zumindest vor der Schneenässe verschont geblieben während die anderen etwas durchnässt aussahen, doch das störte hier niemanden.
Ich hatte versucht etwas nützliches zu schenken und hatte für alle Pullover gekauft, allesamt warm und kuschelig mit irgendeinem Weihnachtsmotiv. Curly und Ben hatten Pullis mit Renntiermotiv, die intentisch waren, außer, dass sie nebeneinander lächerlich aussahen, da einer aussah als wäre er für eine Puppe und der andere für einen Riesen. Sofort zogen sich beide den wärmenden Stoff über den Kopf uns lachten sich dann gegenseitig aus … oder an … oder sie freuten sich einfach nur, dass ihnen warm war. Tanja bekam einen roten Pulli mit weißen Schneeflocken und Charlies war tannengrün, mit kleinen silbernen Stickereien. Als ich ihn so an ihr sah musste ich mir auf die Lippe beißen. An ihr sah er wirklich teuer aus. Das war er auch gewesen und ich habe lange nach dem richtigen Teil gesucht aber es war immer etwas riskant, soetwas zu schenken. Allesamt sahen sie aus, als könnten sie mir um den Hals fallen und das taten sie letztendlich auch und ich landete lachend auf dem Boden. „Hab ich in einem Second Hand laden gekauft. Die Verkäuferin war leicht zu beeindrucken.“,murmelte ich mit einem Augenzwinkern und niemand stellte mehr Fragen.
Der Rest der Geschenke waren Kleinigkeiten: Zuckerstangen oder Lebkuchenherzen, die vom Weihnachtsmarkt mitgehen lassen wurden, Curly verschenkte ein goldenes Glöckchen an Ben und ging mit dem Geklingel allen auf die Nerven, auch wenn es ihr niemand übel nehmen konnte. Curly bekam Schokolade und ein Geschenk stach noch heraus. Ben schenkte Tanja eine Kette, eine kleine, dünne, glänzende Silberkette. „Die hab ich gefunden, nicht geklaut, ich schwöre.“,erklärte Ben, während er sie ihr um den Hals legte. „Der Verschluss war etwas kaputt, ich hab ihn reparieren lassen und ihr eine Politur verpasst.“ Er sah ziemlich verlegen aus und auf die kurze, bewundernde Stille danach folgte ein inniger Kuss, der nicht nur Ben verlegen sein ließ.
Curly stürzte mit einem Mal zum Müllsack und zog ein paar Stöcker heraus. Ich hielt es im ersten Moment für Feuerholz, doch als sie es über das küssende Paar hielt erkannte ich den Mistelzweig.

Charlie begann zu lachen. „Wo hast du den denn aufgetrieben?“ Curly grinste „ Hab ich geschenkt bekommen. Ich bin einfach zu der Verkäuferin gegangen und habe gesagt „Ich würde gern ein bisschen Liebe verteilen, dürfte ich bitte einen ganz kleinen Zweig haben?“ Ich habe ganz große Augen gemacht und e'voila!“ Sie fuchtelte damit rum und tänzelte weiterhin summend durch den Raum. Nachdem der Kuss vorbei war und Ben mit hochrotem Kopf, wennauch sichtlich glücklich in der Weltgeschichte herumschaute spürte ich plötzlich ein Tippen auf meiner Schulter. Hinter mit stand Curly und über mich hielt sie ihren Mistelzweig. Und neben mir, neben mir stand Charlie.

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